585 v. Chr. in Milet

Anaximander:

Ich hörte, ihr habt einen Gedanken, aus Wasser könne alles entstanden sein. Erläutert mir dieses.

Thales:

Schaut euch ein Ei an. Eine begrenzte Menge Flüssigkeit ist in ihm. Nichts kommt anscheinend hinzu, nichts verschwindet. Nach einiger Zeit verwandelt sich diese Substanz, aus der Flüssigkeit wird Knochen, Schnabel, Blut, Federn. Und sogar Leben, ein Herz, ein atmendes Wesen. Einzige Bedingung scheint zu sein, dass das Ei gewärmt wird. In diesem Wasser liegt also eine Macht verborgen, alles werden zu können. Nicht wahr?

Anaximander:

Ich verstehe! Aus diesem Wasser kann so vieles werden! Und vor allem: Es geschieht in einer abgegrenzten Umgebung, es handelt sich also tatsächlich um eine Umformung von etwas. Wenn wir dieses Geheimnis lüften könnten, dann könnten wir sogar den bekannten Kosmogonien etwas entgegenhalten. Geschichten zur Weltentstehung gibt es ja so viele, alle diese Geschichten haben aber eine sehr verborgene Wahrheit. Falls diese überhaupt als wahr bezeichnet werden kann. Geschichten von Göttern, Geschichten von Weltenbäumen, Geschichten von Ur-Eiern. Von Urfluten und Ur-Wassern. Von Chaos, von Nacht. Dichtung und Wahrheit, wer will das unterscheiden können.

Thales:

Ganz richtig. Ich lehne alles ab, was nur mit Berufung auf die Weisheit von einzelnen Personen als wahr zu begreifen ist. Priester, Magier, Schamanen, Könige, Pharaonen, Dichter. Vielleicht ist der ein oder andere in Besitz von Weisheiten. Ich mag diese Weisheiten, ich liebe sie, fühle mich zu ihnen hingezogen. Entscheidend ist aber das Argument, das Wort, die Idee. Nicht die Person. Lasst uns dies als wesentlich neuen Zug unserer Freundschaft machen: Meine Lehre sei kritisierbar. Ich wünsche mir sogar Kritik. Ich wünsche mir keine Anhänger, keine Schüler. Ich wünsche mir Austausch von Argumenten. Sammelt wie ich Weisheiten, liebt sie, nehmt sie auf, durchdenkt sie, schafft eine Grundlage für Wissenschaft, eine Liebe zur Weisheit, welche Aberglauben zu entkräften vermag. Ängste vor dem Schicksal nähren den Aberglauben. Und schreibt es auf. Ein Buch wird sich verbreiten und zuverlässig von euren Meinungen berichten.

Anaximander:

Die Menschen hören nur auf die Weisen, welche Wahrheiten verkünden. Klappern gehört zum Handwerk. Sätze, welche nur eine Idee ausdrücken, nur eine Theorie, eine mögliche Erklärung, solche Bücher werden die Zeiten nicht überleben. Sie brauchen Blendwerk, eine starke Persönlichkeit, welche sagt: So ist es, glaubt mir, dass es wahr ist!

Thales:

Ich befürchte, ihr habt recht. Ich sehne mich nach einer Zeit, in der auch die Idee von einer Wahrheit gehört wird. Und die Zeiten überdauert. Eine Freiheit, welche aktuell nur den Dichtern zur Verfügung steht. Aber dann besteht zu viel Zweifel an der Gültigkeit der Theorie, wie ihr schon selber sagtet. Ja, ihr werdet noch die Rolle des Wissenden einnehmen müssen.

Ich mag euch noch eine Meinung von mir mit auf den Weg geben. Vor etwa 25 Jahren, also in jenen Jahren, in denen ihr geboren wurdet, wurde im assyrischen Ninive eine große Bibliothek zerstört. Die Männer, die dort dieses Wissen sammelten und studierten, zerstreuten sich in die benachbarten Länder. Ich konnte mit einigen dieser Männer sprechen, lernte insbesondere viel Mathematik von ihnen. Dabei kam es nicht so sehr auf das Wissen an, das mich faszinierte, sondern die Geisteshaltung, welche wiederum auf den Herrscher zurückging, der diese Bibliothek gründete: Assurbanipal. Er konnte selbst lesen und schreiben, keine Selbstverständlichkeit unter Herrschern. Und er erkannte, dass er seine Macht nicht gegen das Wissen einsetzen darf. Dass es sich lohnt, die eroberten Völker nach ihren Wissensschätzen zu befragen und deren Wissen aufschreiben zu lassen. Ich würde sagen, er hat es geschafft, eine Liebe zur Weisheit zu leben. Und den Weg zu bereiten, Macht oder Überzeugungsgabe nicht als Kriterium für Wahrheit gelten zu lassen, nicht einmal seine eigene unermessliche Macht.

Doch damit nicht genug. Er ermöglichte es, dass Ägypten unter Psammetich wieder eine kulturelle Höhe erreichen konnte. Wie es aussieht, konnte Psammetich am königlichen Unterricht des Assurbanipal in der Kindheit und Jugend teilhaben. Ich würde so weit gehen, dass diese eng befreundet waren.

Psammetich ist bekannt dafür, dass er mittels eines Experiments nach der ersten, ursprünglichen Sprache der Menschheit suchen ließ, indem er zwei Kinder bei einem Hirten aufwachsen ließ, welcher nicht mit ihnen sprechen sollte oder stumm war. Nach zwei Jahren wurde bei den Kindern das phrygische Wort für Brot bei der Bitte nach Brot erkannt. Und diese Forschung wird nicht die einzige gewesen sein, die er betrieb.

Beide unterstützten den Fortschritt in der Vermehrung des Wissens. Diesen beiden Herrscher lebten eine Liebe zur Weisheit, die Überzeugung, Wahrheiten sammeln und zusammenbringen zu müssen, und der Überzeugung, Wissen von Macht entkoppeln zu müssen, um wahres Wissen erlangen zu können. Nur durch Bibliotheken und vorurteilsfreie Forschung kann echtes Wissen gewonnen werden.

Unser Griechenland wird uns auch eine besondere Freiheit in der Suche nach Wahrheit ermöglichen. Wir haben eine Religion, welche insbesondere mit Apollon als Gott der Künste, Musik und Dichtung das Wetteifern auf besondere, intellektuelle Leistungen einen Platz einräumt. Hier magst du auch an die Rolle des Orakels von Delphi denken, welches Apollon geweiht ist. Die Rätsel der prophetischen Orakelsprüche zu lösen, ist eine intellektuelle Herausforderung für jeden, besonders geistreiche Deutungen verdienen immer höchsten Respekt.

Weiterhin bilden wir keinen einheitlichen Staat, geführt und drangsaliert von einem Herrscher oder Priestern, sondern ein Land von eher konkurrierenden Stadtstaaten, der jeweiligen Polis. Jeder Stadtstaat ist auf der Suche nach der besten politischen Ordnung oder den gerechtesten Gesetzen.

Ich selbst werde als einer der Sieben Weisen bezeichnet, eine verstreute Gruppe von Männern aus den unterschiedlichen Stadtstaaten. Alle dadurch ausgezeichnet, sowohl zu den Orakelsprüchen von Delphi eine besondere Meinung zu haben, als auch im Konkurrenzkampf der Suche nach Gerechtigkeit und politische Ordnung besonders gewürdigt zu werden.

Hier in Griechenland keimt also eine besondere, intellektuelle Freiheit auf, die uns in der Liebe zur Weisheit noch weit zu Wahrheiten führen kann.

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