485 v. Chr. in Elea

Parmenides:

Lieber Xenophanes, wie Anaximenes sagt, ist die Bindung der Eigenschaften an das Apeiron nicht erklärbar. Wir wissen nicht viel über das Apeiron, außer, dass es das Apeiron geben muss, dass es ist, und dass es überall ist, es lückenlos ist. Ich mag sogar behaupten, eine Lücke sei nicht vernünftig, nicht einmal denkbar. So mag ich einmal die Eigenschaftslosigkeit des Apeirons damit beschreiben, dass ich die unbestimmte, infinite Grundform des „es gibt“ benutze, den substantivierten Infinitiv „das Sein“. – Alles, was dann im Verhältnis zum Apeiron Eigenschaften besitzt, finit und nicht mehr unbestimmt ist, nenne ich „das Seiende“. Mehr wissen wir vorerst von der Bindung der Eigenschaften nicht. Wenn es nun heißt, dass es keine Lücke geben kann, dann bedeutet dies, Seiendes grenzt an Seiendes.

Wie ist nun Bewegung möglich? Im Prinzip gar nicht, nur Anaximenes‘ „luftiges“ Verhältnis der Elemente lässt sich denken, während der Bewegung bewegen sich die potentiellen Eigenschaften auf dem Sein vorwärts, können problemlos die Position wechseln. Das Sein, das Apeiron, bietet keinen Widerstand. Ich gehe so weit, Bewegung demnach als Schein zu bezeichnen. Nicht die Elemente bewegen sich, es bewegen sich bestimmte Eigenschaften, ggf. im Sinne von Anaximenes bewegt sich eine Verdichtung des Seins. Die verdichtete Stelle wandert. Wenn wir uns bewegen, bewegen sich die verdichteten Stellen durch das luftige, widerstandslose Sein. Das widerspricht unseren Sinnen, aber im Denken, mit der Vernunft, sollten wir eine solche Art der Permanenz von Gegenständen erkennen.

Der hochgeschätzte Heraklit führt uns ein ähnliches Bild vor Augen: Wir sollen uns eine Kerzenflamme ansehen. Wir könnten diese malen, wir könnten sagen, genau hier ist die Flamme, sie ist in gleicher Weise über einen längeren Zeitraum vor uns offensichtlich als Gegenstand zu sehen. Doch wenn wir genauer darüber nachdenken, dann erkennen wir leicht, dass es nur der Ort ist, an dem sich in gleicher Weise fortwährend brennende Stoffe befinden, von einer Flamme als Gegenstand zu sprechen sei also irreführend.

In diesem Sinne betrachten wir nun die Bewegung eines Steins: bezüglich des Apeirons oder meines „Seins“ sollen wir uns nicht täuschen lassen, die Vernunft sagt uns, dass sich nicht der Stein bewegt, sondern z. B. die Verdichtungen wandern auf dem luftigen, widerstandslosen Sein, hinten verschwindet die verdichtete Eigenschaft, vorn nimmt sie zu. Das Sein oder das luftige Apeiron ist so eigenschaftslos, dass dieser Art der Bewegung keine Grenzen gesetzt ist. Die Bewegung des Steins scheitert allenfalls, wenn es auf Verdichtungen stößt, welche nun dem Element keine derartige Bewegung mehr gestattet.

Xenophanes:

Ihr wählt die Form eines Gedichts, um diese ionische Weisheit zu verkünden, warnt vor dem Denken des Nichts. Wer aber ist es, der so denkt? Die Stärke eurer Mahnung deutet auf eine populäre Philosophie, ich erkenne diese Philosophen aber nicht.

Parmenides:

Es handelt sich um die mächtige Sekte der Pythagoräer, gegen die ich mich wende. Vorsicht ist geboten, gerade auch hier in Elea. Widerspruch ist dort gefährlich, auch darf man von den Lehren bekanntlich nichts an die Öffentlichkeit geben. Wo den Lehren eines Meisters stumpf gefolgt wird, ist Philosophie nicht möglich, so nah der Meister auch der Wahrheit gekommen sein mag. Philosophie lebt von Kritik, wir irren uns empor.

Meine Kritik ist, dass Pythagoras mit der Lehre von den Zahlen als Grenze im Apeiron auf Lücken zwischen den Zahlen angewiesen ist. Er bildet geometrische Figuren aus Punkten nach dem Spiel […]. Die Grenzenlosigkeit des Apeiron war aber gerade der Kern der Weisheit der ionischen Philosophen. Das Denken in Zahlen verführt aber dazu, hier das Wesen der Lücken zu verkennen: Lücken im Sein darf es nach Anaximander nicht geben, und von der Richtigkeit dieser Lehre bin ich so sehr überzeugt, als habe mir eine Göttin selbst diese Wahrheit offenbart.

Xenophanes:

Ihr sagtet schon, dass Bewegung in eurer Sichtweise nicht möglich sei. Dennoch kommt dann ein langer zweiter Weg der Forschung. Widerspricht ihr euch da nicht? Ist dann die Forschung nicht beendet, wenn sich nichts bewegen kann?

Parmenides:

Dass wir es mit einer Illusion zu tun haben, das soll uns nicht hindern, um diese Illusion wissend dennoch über die offensichtlichen Seienden zu sprechen. Die Frage ist ja bloß, in welcher Weise ein Seiendes die Möglichkeit hat, als bewegtes Objekt wahrgenommen zu werden, obwohl das Apeiron als Substanz dieses Seienden unbeweglich ist. Hier hatte ich auf die Luft des Anaximenes‘ Bezug genommen, ein solcher Verdichtungszustand kann sich als seiendes Objekt auf dem Apeiron bewegen. Wenn wir uns nicht auf eine Verdichtung festlegen möchten, dann benötigen wir letztendlich die Einsicht, dass immerhin Seiendes und Gedachtes eins sind. Unsere Wahrnehmung und Denken gibt dem Seienden eine Permanenz. Die Permanenz ist aber nur eine Illusion, da sich die Substanz Apeiron, bei mir das Sein genannt, nicht bewegen kann.

Xenophanes:

Man findet in eurem Gedicht die Begriffe Licht und Nacht, lasst mich raten, was ihr damit zeigen wolltet. Zunächst stelle ich fest, dass es nicht das erwartete Gegensatzpaar ist, Licht und Dunkelheit oder Tag und Nacht entsprächen der Erwartung. Nun denn, es ist ja ein Gedicht, die künstlerische Freiheit will ich eingestehen. Ich habe Stimmen gehört, welche im Sinne des Anaximenes im Licht das Dünne, in der Nacht die Verdichtung erblicken wollen. Treffend dürfte nach euren Ausführungen sein, dass Licht und Nacht zu der Seite des Seienden zu rechnen sei und ein Übergang von euch gemeint ist, Licht und Nacht haben Zwischenstufen. Einmal redet ihr über den Mond als Analogie, mal ist da der Vollmond, ein steter Wechsel lässt ein Teil des Mondes verdunkeln und später wächst das Verhältnis wieder an. Vielleicht gefällt euch auch dieser harte Übergang von der dunklen und der hellen Mondhälfte. Aber mit dem Blick auf das zuletzt genannte Verhältnis zur Wahrnehmung wage ich eine etwas andere Interpretation: Ihr sprecht vom Licht als Seiendes, welches den Sinnesorganen zugänglich ist, ein Teil des Seins lichtet sich, wird Teil unserer Wahrnehmungswelt. Eine Lichtung im dichten, undurchdringlichen Wald des Seins. Die Nacht ist die seiende Seite des Seins, welche uns verborgen bleibt.

Parmenides:

Mein Freund, so ist es. Der Mond hat einen hellen und einen dunklen Teil, beide grenzen lückenlos aneinander, weil sie zum Mond gehören. Unsere Wahrnehmung nimmt erst einmal nur die beschienene Mondsichel als den Mond wahr, nur im Verstand und mit unserer Erfahrung erkennen wir, dass das nicht alles ist, dass der Teil des Mondes in Wahrheit ergänzt ist um eine unsichtbare Hälfte. Es muss immer bewusst bleiben, dass die nächtliche Seite des Mondes lediglich gerade unseren Sinnen nicht zugänglich ist, seiend ist aber auch dieser Teil. So ist auch unsere Welt voll, Seiendes grenzt an Seiendes. Wie ihr so schön sagtet, ein Teil der vollen Welt ist für uns gelichtet als Lichtung.

Xenophanes:

Sehr schön. Zwei meiner Weisheiten sollt ihr nun auch hören. Die erste ist eher eine Warnung, aber die wichtigste Warnung, die ich kenne: Denkt nicht, ihr werdet im Besitz von Wahrheit sein, alles Wissen ist immer nur Vermutungswissen! Seid euch dessen immer bewusst! Solltet ihr die Wahrheit gefunden haben, so wüsstet ihr es nicht. Es ist alles durchsetzt von Vermutung. Wir wissen nicht, wir raten. Lasst immer Kritik zu, nur mit der kritischen Methode irren wir uns empor.

Weiterhin, meiner Meinung nach ist es eine Art Lebensaufgabe, sich zu trainieren, so klar wie möglich zu sprechen. Das wird nicht dadurch erreicht, dass man besonders auf die Worte achtet, sondern es wird dadurch erreicht, dass man seine Thesen klar formuliert, so formuliert, dass sie kritisierbar werden. Die Leute, die zu viel über Begriffe oder Bedeutung oder Definitionen reden, die bringen eigentlich nichts vor, das einen Wahrheitsanspruch erhebt. Eine Definition ist eine reine konventionelle Angelegenheit. Es gibt da eine Einstellung, die meiner Meinung nach überaus ruinös für die Philosophie ist, nämlich die Einstellung, dass man erwartet, dass jedermann die Begriffe, die er benützt, definieren kann: Was meinen sie bei Gerechtigkeit zum Beispiel. Gewöhnlich weiß er nicht, wie er es definieren soll, aber das bedeutet doch nicht, dass er nicht weiß, was Gerechtigkeit ist. Wenn einer zuerst nicht gewusst hat, was Gerechtigkeit, wird er es nachher auch nicht wissen. Definitionen helfen nicht. Und helfen sicher nicht zur Klarheit. Sie führen nur zu einer prätentiösen, falschen Präzession. Zum Gefühl, der spricht besonders präzise. Aber die Präzession ist eine Scheinpräzession, ist nicht wirkliche Klarheit. Aus diesem Grund bin ich gegen die Diskussion von Begriffen und gegen die Diskussion von Definition, sondern für einfaches Sprechen und klares Sprechen.

Werbeanzeigen