545 v. Chr. in Milet

Anaximander:

Lieber Anaximenes, ihr seid nun 40 Jahre alt, in der Blüte eures Lebens. Ich weiß, ein Buch ist nur eine Momentaufnahme des aktuellen Stands eurer Forschung, aber ich bin froh, dass ihr es geschrieben habt. Eurer Wissen wird sich noch vermehren, vielleicht werdet ihr eure Einschätzung von heute in 10 Jahren nicht mehr teilen, vielleicht wird diese neue Einschätzung dann nicht mehr schriftlich festgehalten sein. Aber sei es drum, lasst uns eine Zwischenbilanz ziehen.

Anaximenes:

Auch ich musste viel reisen und habe viel diskutiert. Ausgangspunkt blieb das Problem des Werdens in der belebten Natur, das Wachsen des Kükens, das Werden des Baums, auch wenn mich meine Gesprächspartner immer nötigten, daraus eine Kosmogonie abzuleiten. Sie wollen so viel und schnell in die großen und erhabenen Dinge springen, wollen aus dem Chaos des Hesiod ein Scheiden in möglichst zwei erste Wesenheiten zu fassen bekommen, in Erde und Nacht vielleicht, dann ein Uranos darüber, ein Okeanos drum herum, eine umkreisende Sonne. All das soll ich ihnen liefern und fragen nach eurem Apeiron, das doch wohl mit Chaos zu vergleichen sein müsse. Es ist ein schwieriges Geschäft, verständige und hinreichend gebildete Menschen zu finden, welche aufmerksam bleiben, wenn ich das kleine, alltägliche, offenbare Werden mit ihnen besprechen möchte. Sie sehen nicht die große Erklärungskraft, wenn wir Wandlungen der Elemente untereinander betrachten, ohne gleich eine Kosmogonie im Sinn zu haben!

Nun denn. Ihr sagtet also, das Apeiron sei überall gleichmäßig vorhanden, eine Eigenschaft ist das Maß an Feuchtigkeit, wobei das Maß an Wärme hier ein festes Element flüssig und ein flüssiges Element verdampfen lassen kann. Wärme ist also bei der Wandlung ein wichtiger Faktor. Mich interessierte nun, wie dabei aber das Gewicht so unterschiedlich ausfallen kann, wenn doch aber das Apeiron nur ein Gewicht haben müsste. Ich hatte dann die Idee, man müsste doch an einer Stelle mehr und an anderen Stellen weniger unbestimmte Substanz haben. Was haltet ist davon?

Anaximander:

Das Gewicht, ja, das ist ein gutes Argument. Aber wie soll es ein mehr von Apeiron an einzelnen Stellen geben können. Mein Apeiron soll gleichmäßig verteilt sein, im Apeiron soll es noch keine differenzierende Eigenschaften geben. Schwer und leicht könnte einfach nur ein weiteres Eigenschaftspaar des Apeiron sein. Sprecht weiter.

Anaximenes:

Was ich nicht für unmöglich halte, lasst es mich so erläutern: Das Apeiron könnte an gewissen Stellen dichter, komprimierter als an anderen Stellen sein. Das entspricht dann zunächst dem Gewicht. Wobei es sich in der Gesamtheit wiederum ausgleichend verhält, wenn ich an einer Stelle das Apeiron verdichten lasse, dann soll an anderen Stellen eine ausgleichende Dehnung stattfinden. Wenn das Apeiron als eigenschaftslose Mitte als Substanz im Hintergrund steht, so soll der Verdichtung gar eine Überdehnung gegenüber stehen.

Ich kann mir im Übrigen auch vorstellen, dass das Apeiron in seiner Neutralität in Erscheinung tritt, wenn es weder komprimiert noch überdehnt ist: als Luft in seiner eigenschaftslosesten Form.

Überhaupt habe ich Schwierigkeiten, das Apeiron so zu denken, dass es mal mehr, mal weniger an Eigenschaften wie warm und feucht an gewissen Stellen hat, denn wie macht sich diese Eigenschaft fest an diesen Stellen? Das Maß an Verdichtung wiederum macht mir da weniger Schwierigkeiten. Es ist eine echte physikalische Eigenschaft, Wärme und Feuchtigkeit scheinen mir irgendwie sekundär zu sein. Ich kann diese Eigenschaften noch nicht in meine Theorie der Verdichtung und Verdünnung packen, aber mir scheint doch, dass es sich dabei um Begrifflichkeiten handelt, die erst mit der Wahrnehmung des Menschen ins Spiel kommen: Ein bestimmtes Maß an Verdichtung des Apeiron ist kalt und flüssig, überdehntes Apeiron ist heiß und trocken. Aber eben nur für uns als mit unseren Sinnen. Leichtes sinnliches Beispiel: gehauchte Luft sei warm, gepresste Luft beim Pusten ist kalt.

Ich mag im Übrigen tatsächlich von Luft sprechen und denke, dass es dem Apeiron hinreichend gleichwertig ist. Es ist unsichtbar, lückenlos überall hin ausgedehnt. Auch kommt hier die Seele, die Thales so schön beim Ei als verborgenen Teil einbinden konnte, weil ja offensichtlich aus der Flüssigkeit Leben entsteht, leicht wieder ins Spiel, wenn wir die Luft als Apeiron ansetzen: als Pneuma, dem Lebenshauch!