Exkurs: Braunschweig, 1994

Björn:

Ich glaube, ich weiß, was Parmenides meinte. Nehmen wir eine Festplatte mit ihren Daten. Ein Lesekopf findet überall nur die Information 0 und 1, ein Kopierprogramm kann von einer Festplatte alles kopieren, egal, was sich darauf befindet, Textdateien, Bilddateien, Audiodateien, Datenbanken. Das Betriebssystem weiß zumindest einmal, darin unterschiedlichen Dateien zu identifizieren, was eigentlich eine eher willkürliche Zusammenfassung anhand einer Katalog-Datei ist. Und nun kommt der wesentliche Schritt: Man braucht Programme, um daraus wieder für uns Menschen sinnvolle Informationen zu machen, um ein Video abzuspielen oder einen Text auf den Bildschirm zu bringen. Das Seiende bestimmt sich also über eine sinnstiftende Instanz, erst ein Mensch macht aus dem eigentlich bloßen Sein von 0 und 1 eine Bestimmung, grenzt Sinnvolles aus dem unbestimmten Zustand einer sinnfreien Folge von 0 und 1 heraus. Wir sind die Programme, welche im Sein erst etwas erblicken, das es ohne uns nicht wirklich geben würde. Ohne sinnstiftende Programme bleibt eine Festplatte wertlos. Man stelle sich eine Zukunft vor, in der man die Programme nicht mehr hat oder eine andere Möglichkeit, die Daten auf einer Festplatte zu interpretieren. Dem Menschen, der Wahrnehmung der Menschen und der Vernunft des Menschen kommt also in Bezug auf das Seiende eine entscheidende Rolle zu. Der zweite Weg der Forschung bei Parmenides beginnt. Andere Tiere oder meinetwegen auch Pflanzen, werden anderes Seiendes aus dem Sein erkennen, sie haben andere Programme, dennoch arbeiten auch sie mit der Festplatte und den Informationen 0 und 1.

Und nun das entscheidende Problem der Bewegung: Wenn eine Datei verschoben wird, dann ändert sich in Bezug auf die Festplatte nichts! Alle Eigenschaften werden in Zusammenhang nur an einen anderen Ort geschrieben. Wenn das noch kontinuierlich passiert, dann haben wir eine Bewegung für den interpretierenden Menschen, der Festplatte, unendlich groß gedacht, kann es egal sein, die Festplatte als Grundlage des Sein ist starr und muss sich nicht bewegen.

Christian:

Vielleicht ist ein Bildschirm auch schon eine schöne Analogie: das Seiende sind die Formen, welche wir auf dem Bildschirm erkennen. Wenn man ganz nah herangeht, dann ist uns bewusst, dass wir Bewegung als Illusion ernst nehmen. Wir sprechen von Bewegung einer Person, vom Rollen eines Balls etc. Wichtig ist ja nur, dass die Bestimmungen, die Formen, für uns beim Aktivieren der einzelnen Bildpunkte im Zusammenhang bleiben, nicht plötzlich durchbrochen werden, sondern immer im kantischen Sinne eine erwartete Kausalkette bilden. Hume hatte darauf aufmerksam gemacht, dass das, was wir Kausalität nennen, auch nur ein regelmäßiges Zusammentreffen von zwei Ereignissen sein kann, eine Wirkung des einen auf das andere ist ggf. nur unser Eindruck.

Wo ich an Bildschirme denke: Es gibt doch diese Animation, in der die Figur eines Mannes aus einer Linie besteht, La Linea oder so. Hier wird genau mit dieser Illusion gespielt, welche ich bei Parmenides thematisiert sehe: Erst der Mensch bringt Sinn in einen Formungs-Prozess, welcher streng betrachtet keine echte Bewegung ist, nur die Form ändert sich auf der Linie, der Betrachter grenzt die Figur als Seiendes aus der Linie aus und gibt ihm eine eigene Beständigkeit.

Björn:

Dateien gefallen mir besser als Analogie. Wir sind ganz tief am Anfang der Informationsverarbeitung, nicht sinnlich schon auf das Sehen beschränkt, sondern sehen die Unbeschränktheit, was man mit Dateien machen kann. Auch schön: Das Fehlen des Leeren. Einzig vielleicht, dass wir in der Praxis eine Datei fragmentieren. Aber es ist ja eh nur als Bild gemeint. Obwohl – Leibniz Monadologie soll ebenfalls mit dem Zustand 0 und 1 argumentiert haben. Vielleicht solltest du das mal lesen.

Christian:

Das Seiende bei Parmenides sollte im Kern sehr durchlässig sein, ätherisch. Wie auf dem Bildschirm oder auf einer Festplatte müssen es eher Eigenschaften, Akzidentien, Formen sein, welche sich auf dem Urgrund, dem Sein als Materie, verschieben. Falls Formen, so müssen sich diese über das Sein legen, einen Teil des Seins einschließen, beim Verschieben zusammenhängend, konstant bleiben können. Bei all dieser Bewegung aber von benachbarten Seienden, Formen, nicht so behindert werden, dass diese Information als Form nicht kaputt geht und eine größere oder kleinere Zeit über stabil bleibt.

Björn:

Möglicherweise auch der Blick der ersten Atomisten auf den Sachverhalt, das Leere nur eine Stelle auf der Festplatte, welche keine Datei darstellt? Das Nicht-Seiende als freier Speicherplatz, wobei alle freien Speicherstellen automatisch mit Nullen gefüllt sind. Die Leere zeigt sich hier als offensichtlich existierend, das Leere und das Volle, die Datei und die freien Speicherplätze, zeigen sich als gleichwertig existent auf der Festplatte, man muss das Leere nicht besonders abwerten. Das Leere kann jederzeit Teil des Vollen werden, insbesondere in der Bewegung. Die atomaren Eigenschaften müssen lediglich als Seiendes konstant und zusammenhängend, ungeteilt, bleiben.

Christian:

Größere Gebilde dann als Zusammenschluss von vielen Seienden, Unteilbaren, in einer Art Datenbank-Datei, welche viele Einzeldateien zusammenfasst und dann als große Datei verschoben werden. Informatik und Philosophie geben sich die Hand. Ich sehe schon, in Zukunft könnte es eine Akademie der Philosophie geben, über deren Toren steht: Es möge niemand eintreten, der Informatik nicht mag!

Björn:

Mir fällt da noch Berkeley ein: Gibt es etwas, wenn niemand die Festplatte liest, niemand die Dateien öffnet und betrachtet? Ja, für den Schöpfer der Interpretationsmöglichkeit der Daten, dem sinngebenden Entwickler-Gott, für dessen Geist existieren die Informationen noch. Wenn es kein Lesegerät mehr geben sollte, der Entwickler würde vor seinem geistigen Auge noch die Dateien als sinnvoll Seiendes sehen. Prost.

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