K. R. Popper – Xenophanes

Die Welt des Parmenides. Piper, 2001. S. 192

Sichere Wahrheit erkannte kein Mensch und wird keiner erkennen über die Götter und alle die Dinge, von denen ich spreche. Selbst wenn es einem einst glückt, die vollkommenste Wahrheit zu künden, Wissen kann er sie nie: es ist alles durchwebt von Vermutung.

Das Wort, das ich hier mit „Vermutung“ übersetzt habe, ist das Wort δόκος, dokos. Dieses Wort ist eng verwandt mit dem Ausdruck doxa bei Parmenides, der gewöhnlich mit „Meinung“ übersetzt wird, ebenso gut jedoch, sogar im Gedicht des Parmenides, mit „Vermutung“ oder „Mutmaßung“ übersetzt werden darf.

Die hier zitierten Verse des Xenophanes haben eine große Bedeutung nicht nur für unser Thema, sondern auch für die gesamte Geschichte der Philosophie. Ich schätze sie sehr, denn ich sehe in ihnen eine Art von Vorwegnahme meiner eigenen Erkenntnistheorie, derzufolge alle unsere wissenschaftlichen Theorien Mythen sind oder, mit den Worten des Xenophanes, „durchwebt von Vermutung“. Ich behaupte, daß wissenschaftliche Theorien im wesentlichen unsicher oder hypothetisch bleiben müssen, wenn sie auch unter dem Einfluß von Kritik mit der Zeit immer wahrheitsähnlicher werden können, nämlich immer bessere Annäherungen an das Unbekannte — die verborgene Wirklichkeit. Doch auch diese Ansicht hat Xenophanes vorweggenommen, ich erinnere an folgende Verszeilen:

Nicht vom Beginn an enthüllten die Götter uns Sterblichen alles; aber im Laufe der Zeit finden wir, suchend, das Bess’re.