Schrödingers Vortrag in München

Manjit Kumar: Quanten, S. 272

Als Heisenberg zum zweiten Mal in dem zum Bersten gefüllten Hörsaal saß, hörte er sich Schrödingers Vortrag mit dem Titel „Neue Ergebnisse der Wellenmechanik“ schweigend bis zum Ende an. Während der anschließenden Diskussion wurde er immer unruhiger, bis er nicht mehr an sich halten konnte. Als er das Wort ergriff, waren alle Augen auf ihn gerichtet. Schrödingers Theorie, so sagte er, könne weder Plancks Strahlungsgesetz noch das Franck-Hertz-Experiment, noch den Compton-Effekt oder den photoelektrischen Effekt erklären. In allen Fällen sei man auf Diskontinuität und Quantensprünge angewiesen – ebenjene Konzepte, die Schrödinger beseitigen wollte.
Während einige Anwesende bereits ihr Missfallen an den Äußerungen des 24-Jährigen zum Ausdruck brachten, stand Wien, noch bevor Schrödinger etwas erwidern konnte, verärgert auf und griff ein. Der bejahrte Physiker habe ihn, so schrieb Heisenberg später an Pauli, beinahe aus dem Saal geworfen. Das Verhältnis der beiden wurde noch bestimmt durch Heisenbergs Studienzeit in München und dem schlechten Abschneiden in der mündlichen Promotionsprüfung bei allen Fragen, die sich auf die Experimentalphysik bezogen. Wilhelm Wien sagte zu Heisenberg, während er ihm bedeutete, sich zu setzen, „daß man von all dem Unsinn wie Quantensprünge und dergleichen nicht mehr zu reden brauche; aber die … erwähnten Schwierigkeiten würden zweifellos von Schrödinger in kürzester Zeit gelöst werden.“ Unbeeindruckt erwiderte Schrödinger, er sei sicher, daß sich alle verbleibenden Probleme überwinden ließen.