Forumbeitrag 1 (UWL)

Hallo zusammen,

danke zunächst an Heinz Jürgen für die erste Meinung hierzu.

Bisher gibt es über 70 Aufrufe, aber so richtig spannend wie ich fand das wohl niemand. Mir kam es auch mehr auf den zweiten Teil des Kommentars an, in welchem ich auf Schrödingers Weiterführungen verweisen mochte.

Ich wechsele etwas die Ebene und beginne mit Popper, vielleicht wird es dann spannender.

Es gibt noch eine dritte Gruppe von Physikern, und vielleicht ist das sogar die Mehrheit. Sie besteht aus denen, die sich von diesen Diskussionen ganz abgewendet haben, weil sie sie zu Recht als philosophisch ansehen und weil sie zu Unrecht glauben, philosophische Diskussionen seien für die Physik unwichtig. Zu dieser Gruppe zählen viele der jüngeren Wissenschaftler, die in einer Zeit der Überspezialisierung aufgewachsen sind und in einer Tradition, die jetzt im Kommen ist, eines Kults der Schmalspur und der Verachtung für die nicht spezialisierte ältere Generation (deren Angehörige ihnen recht vorsintflutlich vorkommen): eine Tradition, die leicht zum Ende der Wissenschaft und ihrer Ablösung durch Technologie führen kann.
Popper: Die Quantentheorie und das Schisma der Physik, S. 116

 

Es bildete sich etwas heraus, das man gut als die orthodoxe Quantenphysik bezeichnen könnte: eine Gruppe oder eine Art Partei beziehungsweise Schule, die von Niels Bohr angeführt und von Heisenberg und Pauli sehr aktiv unterstützt wurde. Weniger aktive Sympathisanten waren Max Born und P. Jordan; und vielleicht sogar Dirac. Mit anderen Worten: es gehörten die größten Namen in der Atomphysik dazu; mit Ausnahme zweier großer Männer, die konsequent und energisch von der Lehre abwichen: Albert Einstein und Erwin Schrödinger.
Popper: Die Quantentheorie und das Schisma der Physik. 115f.

Aus einer philosophischen Perspektive hat der Ansatz der Materiewellen Aussicht darauf, mit vielen Problemen aufzuräumen, angefangen damit, dass eine stehende Welle „ganz natürlich“ eine Ganzzahligkeit ins Spiel bringt. Ein wichtiger Schritt, um mit Plancks Rätsel umzugehen, warum der Austausch von Energie auf Ebene der Elektronen (Auswirkung der elektromagnetischen Welle auf ein Elektron und umgekehrt) in Paketen stattfindet und nicht jeder beliebigen Abstufung.

Und dies ist nur EIN wichtiger Baustein. Meine Sichtweise ist, dass es sich lohnt, sich etwas länger mit Schrödinger zu beschäftigen, und dabei insbesondere auch im Blick zu haben, was er als einheitliche Feldtheorie weiter aus seiem Standpunkt gemacht hat. In etwas so, wie hier Wien reagierte:

Als Heisenberg zum zweiten Mal in dem zum Bersten gefüllten Hörsaal saß, hörte er sich Schrödingers Vortrag mit dem Titel „Neue Ergebnisse der Wellenmechanik“ schweigend bis zum Ende an. Während der anschließenden Diskussion wurde er immer unruhiger, bis er nicht mehr an sich halten konnte. Als er das Wort ergriff, waren alle Augen auf ihn gerichtet. Schrödingers Theorie, so sagte er, könne weder Plancks Strahlungsgesetz noch das Franck-Hertz-Experiment, noch den Compton-Effekt oder den photoelektrischen Effekt erklären. In allen Fällen sei man auf Diskontinuität und Quantensprünge angewiesen – ebenjene Konzepte, die Schrödinger beseitigen wollte.
Während einige Anwesende bereits ihr Missfallen an den Äußerungen des 24-Jährigen zum Ausdruck brachten, stand Wien, noch bevor Schrödinger etwas erwidern konnte, verärgert auf und griff ein. Der bejahrte Physiker habe ihn, so schrieb Heisenberg später an Pauli, beinahe aus dem Saal geworfen. Das Verhältnis der beiden wurde noch bestimmt durch Heisenbergs Studienzeit in München und dem schlechten Abschneiden in der mündlichen Promotionsprüfung bei allen Fragen, die sich auf die Experimentalphysik bezogen. Wilhelm Wien sagte zu Heisenberg, während er ihm bedeutete, sich zu setzen, „daß man von all dem Unsinn wie Quantensprünge und dergleichen nicht mehr zu reden brauche; aber die … erwähnten Schwierigkeiten würden zweifellos von Schrödinger in kürzester Zeit gelöst werden.“ Unbeeindruckt erwiderte Schrödinger, er sei sicher, daß sich alle verbleibenden Probleme überwinden ließen.
Manjit Kumar: Quanten, S. 272

Der Leser mag geneigt sein, in die Richtung der Foren mit dem Titel „Alternative Weltmodelle“ mit dem Finger zu zeigen. Das denke ich nicht, dass jemand, der auf den Schultern der Riesen Einstein, Schrödinger und Popper steht, sich in diese Ecke stellen muss.

Tatsächlich haben diese Männer nur einen Fehler gemacht: Sie haben keine Partei gegründet. Sie waren überzeugt, das Geheimnis des Alten selbst am besten lüften zu können. Einstein und Schrödinger arbeiteten kaum zusammen. Popper ist nur ein Philosoph, seine Warnungen verhallten offensichtlich.

Ich möchte einladen, in einer Akademie Olympia für die Arbeit am rationalen Wesen der Wirklichkeit zu arbeiten. Das menschliche Erkenntnisvermögen ist besser als sein Ruf.

Die Lage ist sehr ernst. Die verbreitete anti-rationalistische Atmosphäre, die in unserer Zeit bedrohliche Formen angenommen hat, und die zu bekämpfen die Pflicht eines jeden Denkers ist, der um die Traditionen unserer Zivilisation besorgt ist, hat zu einer sehr ernsten Verschlechterung des Standards der wissenschaftlichen Diskussion geführt. Das alles hängt mit den Schwierigkeiten der Theorie zusammen oder noch nicht einmal so sehr mit den Schwierigkeiten der Theorie selbst, als mit den Schwierigkeiten der neuen Techniken, die die Theorie zu überwuchern drohen. Es begann mit brillanten jungen Physikern, die stolz und meisterlich sich viel auf ihre neuen Werkzeuge zugute hielten und auf uns Amateure herabsahen, die wir kämpfen mußten, ihr Tun und Sagen zu verstehen. Bedrohlich wurde das, als diese Haltung dann zum professionellen Usus erstarrte.
Allerdings haben die größten unter den zeitgenössischen Physikern diese Attitüde nie angenommen. Das gilt für Einstein und Schrödinger ebenso wie für Bohr. Sie haben sich niemals in ihrem Formalismus gesonnt, sondern blieben immer Suchende, die sich der Größe ihres Unwissens nur zu bewußt waren.
Warum hat man Schrödinger nur mit Argumenten abgespeist, die niemand auch nur eine Sekunde lang ernstnehmen kann? Ich glaube, der Grund ist, daß seine distinguierten Kritiker die Auseinandersetzung einfach nicht mehr ernstnehmen. Hätte Schrödinger sie nochmals mit einem neuen Formalismus überrascht, so würden sie ihm wiederum sehr aufmerksam zugehört haben. Aber bloße Worte interessieren unsere Spezialisten nicht mehr, nicht einmal, wenn sie von jemandem kommen, der mindestens ebensoviel wie jeder andere auf ihrem Gebiet geleistet hat. Und wenn schon ein großer Physiker wie Schrödinger in dieser Weise behandelt wird — und Einstein hat man genau so übel mitgespielt —, was kann dann ein bloßer Amateur wie ich erwarten, wenn er es wagt, eine andere Ansicht zu haben als die Professionellen?
Popper 1982, Die Quantentheorie und das Schisma der Physik.

Die neuen Bausteine heißen Kontinuum und Tensor. De Broglie blieb leider beim Teilchenmodell stehen, daher schloss er sich der Partei der Quantenhexer an. Der Abschied vom Teilchen ist der große philosophische Sprung, den ich bekannt machen möchte.

Du betonst nun ganz richtig, dass die vollständige Beschreibung nicht auf den Begriff der Beschleunigung aufgebaut werden kann und — wie mir scheint — ebensowenig auf den Teilchenbegriff. Es bleibt also von unserem Handwerkzeug nur der Feldbegriff übrig; aber der Teufel weiß, ob dieser standhalten wird. Ich denke, es lohnt sich, an diesem, d. h. am Kontinuum festzuhalten, solang man keine wirklich stichhaltigen Gründe dagegen hat.
Einstein an Schrödinger, 1950.

Um dieses Kontinuum weiter zu denken, muss man sich auf das Rätsel des Parmenides einlassen. Es wird also nicht zu einem kleinen Teil philosophisch.

Das Hauptthema unserer Gespräche war der Indeterminismus. Ich versuchte ihn zu überreden, seinen Determinismus aufzugeben, der auf die Ansicht hinauslief, die Welt sei ein vierdimensionales, parmenideisches, abgeschlossenes System, in dem Veränderung nichts anderes sein konnte – oder beinahe nichts anderes – als eine menschliche Illusion. (Er gab zu, dass das seine Ansicht war; und in unserer Diskussion nannte ich ihn „Parmenides“.)
Popper über Einstein, Ausgangspunkte (dt. 1979).

Ihr seid recht herzlich eingeladen. Ein wenig hege ich sogar die Hoffnung, Sie, Prof. Lesch, in die Akademie Olympia einladen zu können, auch wenn ich kein Dauerläufer bin. Sie sind ein Freigeist, kein eingefleischter Quantentheoretiker, der die Stärken von Alternativen erkennen kann und auch bereit wäre, das assimilierte Kollektiv getreu Jean-Luc zu verlassen, ohne zu befürchten, das Gesicht zu verlieren; wenn die neuen Pfade das leisten können, was auch die alten leisteten. Das war auch Einsteins Sichtweise: Quantentheorie insofern ja, als neue Theorien sich daran messen lassen müssen.

Und nun schließe ich das kleine Manifest mit den Worten von Einstein:

Die Heisenberg-Bohr’sche Beruhigungsphilosophie — oder Religion? — ist so fein ausgeheckt, dass sie dem Gläubigen einstweilen ein sanftes Ruhekissen liefert, von dem er nicht so leicht sich aufscheuchen lässt. Also lasse man ihn liegen.
Einstein an Schrödinger, 1928.

Gruß
Christian