Brief Anaximanders

https://scilogs.spektrum.de/die-natur-der-naturwissenschaft/die-vorsokratiker-die-schule-von-milet/

Hochverehrter Prof. Honerkamp.

Ich traf hier unlängst Michael Ende, welcher einen interessanten Vorschlag machte, um den Untergang der Philosophenwelt abzuwenden, denn auch unsere Welt droht vom Nichts zerstört zu werden. Sie haben sicherlich schon davon gehört. Philosophie ist nicht mehr attraktiv, seit der Generation von Heisenberg wird sogar in unserem Lieblingsthema, der Physik, der Faden bis zu den Anfängen nicht mehr ernst genommen (anders als es bei Ihnen nun erfreulicherweise anklingt). Die neuere Theoretische Physik will das Geheimnis der Atome klären und erfindet das Rad neu, ohne die Erkenntnisse von mehr als 2000 Jahren intensiven Denkens ernsthaft zu würdigen. Man meint, man brauche die Einsichten nicht mehr und alles ließe sich frisch und neu denken. Und plötzlich verlieben sich die jungen Physiker in Lösungsansätze, Teilchen mal eben in Wahrscheinlichkeitszustände aufgelöst zu denken und ähnlich absurde Metaphysiken.

Nun, Michael Ende schlug uns vor, sich in Blogs wie den Ihrigen zu Wort zu melden. Wenn über uns geredet wird, dann besteht noch Hoffnung für die Rationalität. Vielleicht lässt sich das Schlimmste ja doch noch abwenden. Viele Kollegen sind da weniger optimistisch.

Sie machen mir nun die Freude, ein paar Kleinigkeiten zu meinen Lehren korrigieren und ergänzen zu können. Fangen wir an.

Lese gerade, dass Kommentare eher kurz sein sollen, aber keine Regel ohne Ausnahme, hoffe ich. Wenn sich schon mal Anaximander selbst zu Wort meldet.
Auch wenn es Sie enttäuschen mag, aber der liebe Thales hatte nur das Rätsel vor Augen geführt, dass sich in einem Ei eine ungewöhnliche Wandelbarkeit der Flüssigkeit im Inneren offenbart: Es handelt sich um eine begrenzte Menge Substanz, nichts kommt anscheinend von außen hinzu, nichts verschwindet. Am Ende ist aus Wasser fester Knochen und zarte Feder geworden, sogar ein lebendiges Wesen. Und ist es nicht auch so, dass Säuglinge nur Milch als Nahrung erhalten und das Kind oder das Tierjunge trotzdem neue Knochen aufbaut, neu Fleischelementen etc. bildet und wächst und wächst? Im Wasser steckt also offensichtlich eine Potenz, (fast) alles werden zu können. Das Wasser ist als Grundsubstanz ein lückenloses, kontinuierliches Medium (zumindest aus unserer Einschätzung heraus).

Es klingt erst einmal nach einem trivialen Problem, gerade ihr meint ja heute, das Problem mit dem Schulwissen leicht abhandeln zu können, Gene steuern eben den Umbau von Elementarbausteinen, welche als kleine Atome oder schon als Molekülverbund im Ei herumschwirren. Aber ihr meint ja auch, sich die Erde als Kugel vorzustellen sei eine leichte Übung, hört man ja schon im Kindergarten. Die Kinder verlernen das Staunen! Ihr verlernt das Staunen. Das Studium der Philosophie kann sein, das Staunen wieder zu lernen.

Dass das Reden über das Wasser so ernst genommen wurde, ist ein Missverständnis der Geschichte, ggf. inspiriert durch meinen Schüler Anaximenes, welcher tatsächlich ergänzend zu meinen Lösungsvorschlag meinte, man sollte sich das Apeiron wie die Luft vorstellen. Im Konzept Äther kennt Ihr das ja noch immer. Ich sprach mit Aristoteles, er entschuldigte sich bei mir, er spekulierte damals selbst noch, warum man bei Thales das Wasser angesetzt hatte. Es handelte sich um eine mündliche Überlieferung, und es lagen über 200 Jahre dazwischen. Ihr könnt es mit einer mündlichen Überlieferung von Lehren von Kant vergleichen. Da käme sicherlich auch reichlich seltsames Denken dabei heraus.

Ich gebe zu, dann hatten wir etwas über die Stränge geschlagen, aber wir wollten zeigen, dass das gleiche Prinzip auch auf die unbelebte Natur übertragen werden kann. Sogar Kosmogonien ließen sich so beschreiben. Uns ärgerte halt das Geschwätz, zum Erschaffen der Gestirne, der Sonne und der Planeten bedürfe es allmächtige Götter. Das Geheimnis der Wandlungen im Kleinsten wie im Ei könne zu Einsichten führen, welche sogar den ganzen Kosmos prägen. Etwas vermessen, aber eure Teilchenphysiker denken ja heute auch nicht wirklich bescheidener, oder?

Außerdem musste man ein wenig autoritär auftreten, um gegen Aberglauben ankämpfen zu können. Heute bedauere ich das zutiefst, denn eine der wichtigsten Lehren der Philosophie ist, dass wir uns empor irren. Bescheidenheit im Umgang mit der Suche nach Wahrheit und Weisheit ist die Tugend der Philosophie. Nun, hätte ich damals so nicht aufgeschrieben, ich würde hier heute sicherlich nicht am Leben sein. Vielleicht war Platon der erste, welcher mit philosophischen Werken zur Unsterblichkeit kam, welche eher mit möglichen Erklärungen statt sicherem Wissen spielten.

Denn auch von der Natur ging schon lange die Weisheit um, dass in ihr nichts hinzukäme und nichts verschwinden würde. Ein Tier stirbt, ein anderes fängt an zu leben. Ein Kreislaufgedanke konnte man in allen Ecken der Erde finden. Die Frage war aber das „Wie“.
Mein Vorschlag war, dass die Wandlung im Ei lokal stattfinden, ein Hin zu einem Element wie Knochen, aber auch in größeren Zeitmaßstäben gedacht ein Zurück zum Wasser. Eine Grund-Substanz hat die Potenz, verschiedenste Gestalten anzunehmen. Um den Kreislauf in Gang zu halten, führte ich Dike als Prinzip der Gerechtigkeit an. Sie schreiben, ich hätte an Kampf gedacht, aber das war Heraklit. Dieser wollte ausdrücken, dass er glaube, Gerechtigkeit führt zum Erlahmen des Prozesses, nur der Kampf der Gegensätze sei ein dynamisches Prinzip. Nun ja, Heraklit. Ich sage dazu jetzt mal nichts. Aber interessant ist sein zweiter Aufhänger an dieser Stelle: Ich glaube, er denkt noch zusätzlich an eine Art Tauziehen der Gegensätze, denn ihm ist wichtig, auf Illusionen hinzuweisen: Beim Tauziehen kann man der Illusion erlegen, man habe einen stabilen Zustand vor sich, wenn sich gerade nichts nach links oder rechts bewegt. Aber tatsächlich sei ein mächtiger Kampf in beide entgegengesetzt Richtungen am Werk. Ein wirklich spannender Lösungsansatz.

Ich muss noch vom Apeiron sprechen.

Ich wollte den kontinuierlichen Charakter der Grundsubstanz ansprechen. Parmenides hat es später treffend formuliert: Seiendes muss an Seiendes grenzen, eine Lücke darf es nicht geben, eine Lücke, ein Nichts, sei auch gar nicht denkbar. So ein kontinuierliches Weltbild sei das einzig angemessene Weltbild. Leukipp wollte das später auch nicht wirklich anders sehen, er unterschied Seiendes und Nicht-Seiendes. Das Seiende sollte durch seine permanente Gestalt gekennzeichnet sein, aber eine Gestalt im Sein. So ähnlich muss man sich das ja auch bei Anaximenes und der Luft vorstellen: Eine verdichte Stelle wandert in im kontinuierlichen Medium Luft. Eine Art Wellenbuckel. Diese Verdichtung habe nach Leukipp eine Permanenz. Mein Apeiron sollte seine Erscheinungsformen durch Akzdentien erhalten: feucht bis trocken, heiß bis kalt und ggf. mehr. Aber das war nur ein Lösungsvorschlag. Viel wichtiger ist die Kontinuums-Ontologie.

Sie erwähnten gar nicht, dass bei mir die Sterne niedriger als Sonne, Mond und Planeten angesetzt seien. Ich danke für diese Rücksichtnahme. Tatsächlich handelt es sich aber auch wieder nur um ein geschichtliches Missverständnis: Ich hatte ein Apparat gebaut, welcher Sonnen- und Mondfinsternisse vorführen kann. Man stellte sich in eine Kuppel, ähnlich ihren Planetarien. Die Kuppel war aus einem Material, welches das Feuer aus dem Apparat noch sichtbar werden ließ, aber die Sterne simulierte ich nur, indem ich in die Kuppel kleine Löcher machte. Ich hatte mit Schrecken vernommen, dass das alles später zu einem Kosmosmodell mit einem Räderwerk am Himmel und weiteren technischen Details ausgestaltet wurde. Irre, was so alles aus einer schwammigen Überlieferungstradition werden kann.

Seien Sie herzlichst gegrüßt

Ihr

Anaximander