Brief Thales

Lieber Prof. Honerkamp.

Anaximander bat mich, auch ein paar interessante Dinge über mich zu schreiben, welche hier und ggf. an anderen Stellen über mich noch nicht gesagt wurden.

Sie beschäftigen sich mit möglichen Gründen, warum die Philosophie mit mir in Griechenland startete. Eine der ersten Thesen (eine verbreitete These) ist, ich und meine Schüler hätten Zeit und Muße gehabt. Nun, Zeit und Muße wird es sicherlich auch in allen benachbarten Hochkulturen gegeben haben, da wäre der Durchbruch einer Philosophie auch wahrscheinlicher gewesen, muss man doch zugeben. Aber das mit der Zeit und der Muße sollte nur mein Aufhänger sein, um zu erklären, warum ich an einem Sonntagmorgen schreibe.

Nein, wo wir gerade bei den benachbarten Hochkulturen sind, doch ein paar wichtige Worte dazu. Ich kenne noch nicht ihr Buch zu der Mathematik der Hochkulturen Assyrien, Babylon und Ägypten, aber ich gehe jetzt einmal davon aus, dass die folgende Erzählung so noch nicht erzählt wurde.

Das Datieren meines Geburtsjahres ist ja eine schwierige Sache gewesen, ihr habt ja nur grobe Hinweise wie eine Sonnenfinsternis 585 v. Chr. Tatsächlich wurde ich etwas früher geboren. Und es war die Zerstörung der Bibliothek in Ninives 611 nach eurer Zeitrechnung, welche mich dazu zwang, mich in Milet niederzulassen. Mein Wunsch wäre gewesen, mich in Ninive aufzuhalten, der Hochburg des Wissens! Eine herrliche Bibliothek muss es gewesen sein, gesehen hatte ich sie nicht mehr! Ich leider traf nur noch ein paar Gelehrte dieser Bibliothek, welche sich in die Nachbarländer verstreuten, in Assyrien tobte Krieg. Von diesen hatte ich meine Kenntnisse der Mathematik und Astronomie, nicht aus Ägypten, wie glaube ich Platon vermutete.

Habt ihr euch einmal angesehen, welch ein erstaunlicher Herrscher Assurbanipal war? Er ließ das Wissen der eroberten Völker in Keilschrift aufschreiben. Er wollte das selbst lesen, lernte lesen und schreiben. Welche Herrscher kennt ihr, welche sich auch diese Mühe machten? Und welche Geisteshaltung! Er hatte alle Macht der Welt, nach Wahrheiten ließ er seine Macht aber nicht gelten, auch nicht die seiner Priester! Er sammelte Wissen in Bibliotheken, nur auf diesem Weg, im Vergleich des Wissens der „Welt“, sei das Finden von Wahrheiten möglich! Welche großen Lehrmeister und Philosophen muss er zum Lehrer gehabt haben!

Und Ägypten: Nun ja, erst mit dem etwa gleichaltrigen Psammetich wurde Ägypthen wieder zur Hochkultur. Psammetich kam Assurbanipal zu Hilfe gegen die Babylonier, Assurbanipals Vater mochte den Vater Psammetichs, der Vater hieß Necho I,  und machte ihn zu einem Statthalter in Ägypten. In den Jugendjahren hielten sich Psammetich und sein Vater in Assyrien am Hof des Vaters von Assurbanipal auf (eigentlich eine Strafaktion). Es spricht vieles dafür, dass beiden jungen Männer vom selben Lehrmeister (und großen Philosophen!) geschult wurden. Psammetich wurde im Übrigen auch durch eine Wissenssuche bekannt, allerdings eine eher unrühmliche: Zur Suche nach der ersten Sprache der Menschheit experimentierte er, zwei Kinder bei einem Hirten ohne Sprache aufwachsen zu lassen, das Ergebnis sollte gewesen sein: Phrygisch sei die Ursprache.

Das Sammeln von Weisheiten macht für mich das Wort Philosophie aus. Es wurde zuerst von Herodot verwendet, welcher von Solon schrieb, er habe „philosophierend“ viele Länder bereist. Gut, Vielwisserei kann man auch kritisieren, das reicht nicht aus. Heraklit schimpfte so auf Pythagoras, welchen Sie in der Mathematikgeschichte wohl eher lobend erwähnen werden. Bei uns ist er eigentlich als selbstherrlicher Sektengründer schon längst verbannt. Wäre er nicht eine wichtige Inspirationsquelle für Platon gewesen, er hätte wohl nie so unsterblich werden können.

Für mehr ist heute leider keine Zeit.

Hochachtungsvoll

Ihr

Thales