Albert Einstein – Anaximenes

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Liebe Freunde der Schule von Milet.

Anaximenes  war schon damals zu bescheiden. Ich sprach ihn an, warum er hier neben Thales und Anaximander nicht auch noch ein Wort sprechen möge. Er freute sich, dass gerade ich ihn darauf ansprach, denn sein Lösungsansatz sei meinem Denken gar nicht so fern. Darauf machte mich 1957 auch mein Freund Schrödinger aufmerksam. Ich hatte mich sehr über seinen Brief gefreut!

https://cbuphilblog.wordpress.com/2018/04/28/exkurs-schroedinger-an-einstein-1957

Anaximenes bat mich, seine Theorie zu erläutern, denn ihm glaubte man nicht viel, aber wie Erwin Schrödinger schreib, erst nach meiner Allgemeinen Relativitätstheorie konnte die Lehre des Anaximenes richtig zur Geltung kommen!

Anaximenes war ähnlich verwegen wie ich und andere Denker damals, dem Raum selbst physikalische Eingenschaften zuzusprechen. Eine Raumverzerrung in Anwesenheit von (großen) Massen wagten wir zu denken. Unsere Aussage war, wenn wir die Geometrie des Raums von seinen starren Ketten der einfachen Anschauung in den drei Dimensionen Höhe, Breite, Tiefe befreien, dann eröffnen sich neue Möglichkeiten, Gravitation zu erklären. Eine Planetenbahn bedarf dann keiner unerklärlichen Fernwirkung mehr, ein Planet umkreist die Sonne, weil der Raum nicht mehr euklidisch sein muss, sondern eine Krümmung besitzt, welcher die Planten folgen.

Was wir dazu einführten, das war eine vierte Dimension. Man hätte diese vierte Dimension auch als Dichte des Raumes denken können, aber dazu gehören keine Erfahrungen, die wir machen können. Wir sind – mit Kant zu sprechen – an der angeborenen Raum-Vorstellung zu sehr gebunden. Die Definition von Raum entspricht den uns unmittelbar zugänglichen Größenordnungen, dem sogenannten Mesokosmos. Eine Kategorie des unmittelbar erfahrbaren Mesokosmos ist die Zeit. Um also in unseren Erfahrungen euklidisch dreidimensional bleiben zu dürfen (man hätte auch von Längenkontraktion sprechen können), führten wir das zunächst seltsam anmutende Drehen an der Zeitschraube ein.

Was macht Uhren aus, insbesondere so etwas wie Quarzuhren? Das Schwingen von Atomen. Wir waren der Überzeugung, in einem „dichteren“ Raumgebiet würden die Uhren langsamer gehen,  d. h. die Schwingungen seien im Vergleich zu einem weniger „dichten“ Raumgebiet langsamer. Genau das macht den Uhren-Gang-Unterschied in GPS-Satelliten im Verhältnis zu Uhren auf der Erdoberfläche aus.

„Sehen“ könne man das Schauspiel der Raumdichte aber eigentlich schon, nämlich in dem Moment, wo das Licht nicht mehr den vertraut geraden Weg nimmt. Das Phänomen, Licht von Sternen hinter Sonne bei einer Sonnenfinsternis sehen zu können, brauch ich hier nicht näher zu erwähnen.

Das ganze mutete zu Recht sehr spitzfindig an. Es ist immer eine philosophische Herausforderung, die vorgegeben Denkmuster (vgl. Kant) zu verlassen, um eine andere Wahrheit zu erblicken. Nicht jeder kann oder mag da folgen. Dass Anaximenes so „einfach“ diesen Lösungsansatz aussprach, in das Kontinuum des Apeirons mit Verdichtung und Verdünnung operieren zu dürfen, um Seiendes entstehen zu lassen, ist daher aus unserem zeitlichen Abstand fast unbegreiflich kühn!

Ich muss leider zugeben, dass ich diese Kühnheit für die Welt der Atome nicht besaß. Ich spekulierte, Energie ließe sich konzentrieren, dann entstehe irgendwann Masse. Mit dem Brief von Schrödinger änderte sich (leider zu spät) meine Sichtweise. Ganz recht, es ist alles doch eher so einfach wie bei Anaximenes zu lösen, würde ich heute sagen: Man muss dem Raum eine Dichtedimension zugestehen, diese Dichtedimension in Schwingungen versetzen, so wie es sich Schrödinger 1957 wünschte.

Wer wagt es, diesen Faden meines Freundes Schrödingers wieder aufzunehmen, um mit einer Apeiron-Ontologie noch das elektromagnetische Feld an das Gravitationsfeld zu koppeln? Mit den modernen Rechenmaschinen solltet ihr 2026 dazu in der Lage sein, pünktlich zum 100. Jahrestag der Veröffentlichung der ersten Wellengleichungen.

Herzlichste Grüße

Euer Albert

[„Ghostwriter“: Bührig]