Philosoph Jochen Kirchhoff – Masse & Materie

 

Ich komme aus der Denkschule des kritischen Rationalismus nach Karl Raimund Popper, Pseudowissenschaften und ähnlich unwissenschaftliche Beiträge sind mir also verhasst.

Ich gehe mit dem Kommentar zu diesem Video nun einmal ein Risiko ein, denn sicherlich ist Herr Kirchhoff unter Wissenschaftlern mit Thesen wie der „Beseeltheit der Materie“ belächelt oder als Esoteriker verschimpft. Noch kenne ich auch keine Videos (und diese sind zahlreich), welche sich konkret mit einer Weltseele beschäftigen. Dennoch wage ich nach diesem ersten Video, das ich kenne, den Kommentar, dass das Gesagte klug ist.

Auch ein Popper hat sich mit den Anfängen der Philosophie beschäftigt, ein Sammelband von Aufsätzen ist Parmenides gewidmet. Wer hier wissenschaftlich einen empfindlichen Magen hat, der kommt nicht weit. Und was eine Weltseele betrifft, so treffen wir das Denken einer solchen Instanz spätestens bei Anaxagoras und dem Nous an.

Wikipedia:

https://de.wikipedia.org/wiki/Anaxagoras

https://de.wikipedia.org/wiki/Nous

Und nach Anaxagoras ist eine Instanz der Vernunft im Hintergrund in der Philosophie nicht mehr wegzudenken, kommt sogar als Gott-Identifikation bei fast allen Philosophen wieder zum Einsatz. Hier hebe ich einmal Spinoza hervor, weil wir mit ihm die Gelegenheit haben, zu betonen, dass sich auch ein Einstein nicht daran störte, bei philosophischen Studien mit einer Weltvernunft konfrontiert zu werden.

Ich wage einmal die These an dieser Stelle, dass Herr Kirchhoff als Philosoph hier nicht viel anders denkt als Einstein, nur Einstein genoss den Gedanken im Stillen, ließ sich von ihm inspirieren, Herr Kirchhoff wagt hingegen die offensive Aussage, dass das alte philosophische Konzept die Kraft habe, uralte Rätsel wie das Entstehen und Vergehen in der Einheit der Welt erklären zu können.

Und selbst weitere Helden der Physik sind dem Denken näher als man sich als Fan der Physik eingestehen mag: In „Der Teil und das Ganze“ überdeckt Werner Heisenberg nur wenig einen Wunsch, eine „Absicht“ in der Natur walten zu sehen. Der Sprachgebrauch deutet entweder in Richtung Gott oder eben einer verborgenen Weltvernunft. Bei seinem Weggefährten Dürr ja dann auch später öffentlich weiter ausformuliert. Über Bohr schreibt Heisenberg, er habe eine verborgene Wahrheit mit dem Wort „Abgrund“ gesucht. Planck glaubte offen an Gott (ebenso Harald Lesch), ohne dass ich sagen könnte, wie weit das Einfluss auf die vertretene Lehre der Physik hat.

Und zum Begriff der Seele: Wenn man bei Ostwald aus der monistischen Energetik den Teil über die Energie der Seele wegnimmt, dann war die Energetik ein recht modern anmutender Ansatz. Auch Einstein hatte sich meines Wissens mit Kenntnis des Monismus bei Ostwald nach seinem Studium beworben. (Ich meine sogar, in einer Schrift von Ostwald die Formel E = m*c² entdeckt zu haben, und die Schrift war von 1900 oder früher (eine Arbeit während eines Forschungssemesters, schreib er im Vorwort), aber bei kleineren Bemühungen, diese Stelle erneut zu finden, war ich nicht erfolgreich.)

Es wäre sicherlich ein spannendes Forschungsthema, bei den Helden der Physik ihre metaphysischen geheimen Wünsche einmal darzulegen.

Noch ein Wort zu Popper: Als Wissenschaftstheoretiker warnte er zeitlebens vor dem Irrweg der Quantentheorie („Die Quantentheorie und das Schisma der Physik“)! Er sieht darin sogar eine „Gefahr für die abendländisch, rationale Tradition“. Diese Warnungen verhallten anscheinend ungehört.

Kirchhoff zeigt also mit Recht auf, dass das Denken von einer Einheit mit einem Zentrum bei der Gravitation wichtig ist. Dass eine Physik ohne Klärung der (philosophischen?) Frage nach dem Wesen der Materie und der Masse etwas arg luftleer ist. Ohne Rückgriff auf die Tradition der Philosophie (mit ihren schwer verdaulichen Seiten, eine Weltvernunft und ein Gott dabei einbezogen zu haben), wird es die Physik mit der Abnabelung von dieser Tradition nie schaffen. Die alte Dame und Mutter Philosophie könnte so manches lehren. Aber die Physik ist in die Pubertät gekommen, könnte man sagen. Sich etwas sagen zu lassen, das mag sie nicht, insbesondere nicht von den altklugen Alten. Pubertät ist, wenn die Eltern schwierig werden.


8.3.2019

Ergänzungen sind nicht unbedingt statthaft, zumal wenn sich jemand die Mühe machte, einen Blogbeitrag zu verlinken und sich positiv dazu zu äußern. So geschehen von Uli Fischer, welchen ich hier um Entschuldigung bitte. Aber ich werde ihn wenig enttäuschen, hoffe ich, denn ich beabsichtige, meinen eigenen Kommentar in gleicher Art und Weise wie bisher lediglich auszubauen.

Was ich aktuell aber nicht möchte, das ist, durch eine Fülle von Blogeinträgen den Eindruck zu erwecken, mir sei an der Verbreitung der Thesen von Hr. Kirchhoff gelegen. Aber wie oben angeklungen, haben mich die Videos nun weiter interessiert, denn ich habe in Bezug auf Thesen wie eine Weltseele keinen empfindlichen Magen. Mich interessierte seine Einstein-Kritik, seine Aussagen zur Äthertheorie, seine Meinungen zur Falschheit der Urknalltheorie. Hier mag der „Mainstream“-Wissenschaftler vielleicht stocken und möchte sich abwenden. Ich sehe es aber umgekehrt: Wenn der Zweifel nicht plump daherkommt und Zweifel nicht in Sätzen wie „Es ist nun einmal falsch“ münden, dann kann man eine ganze Menge vom Zweifler lernen. Insbesondere, um seine eigene Meinung auch zu festigen, weil der Zweifler oftmals nicht ganz zu Unrecht fragt: Glaubst du eher oder weißt du es? Und wenn du es glaubst, was findest du denn so überzeugend? Oder glaubst du nur, dass Einstein ein Genie war?

Meine eigenen Gedanken richten sich ja auch gegen die Quantentheorie, und wie ein anderer Mann, welchem ich auch noch keinen Raum hier im Blog geben mochte, Alexander Unzicker, teile ich die Einschätzung, dass sich die Physik verrannt hat. Und dass es „egal ist, was sie lesen, aber es sollte älter als 60 Jahre sein“.

Die zentrale Frage, auch für mein Anliegen, ist daher auch rein wissenschaftstheoretisch, wenig emotional: Welche Argumente ziehen denn nun, insbesondere, wenn man wie ich nur von der Philosophie kommt, dazu auch noch als Freizeit-Philosoph?

Und hier kommt wieder Hr. Kirchhoff ins Spiel. Das Wissen um die Aussagen der modernen Physik ist gegeben, das philosophisch richtige Argumentieren und Zweifeln ist gegeben, das macht ihn als Zweifler so einzigartig. Und ich denke, er betont ganz richtig immer wieder, wie „ungeheuerlich“ auch die einfachsten Dinge unseres Wissens sein können. Ein Punkt, welchen der Nicht-Philosoph kaum nachspüren kann (ich meine nur das Wissen über die Philosophiegeschichte): Was ist der Raum? Wie kann es sein, dass riesige Massen im Raum schweben? Was passiert da, wenn Licht von einem Ende des Universums zu uns gelangt? Die Liste ist lang und ähnlich seltsam für den Laien. Philosophen fragten und fragen sich, wie das alles möglich ist. Aber vielleicht verlernen wir durch das Schulwissen zu sehr das Staunen. Und Hr. Kirchhoff lehrt auch mich noch immer wieder das Staunen. Daher ist er ein guter Philosoph, denn dieses Staunen ist schon bei Aristoteles ein wichtiger Kern, um das Treiben von Philosophen zu verstehen.

Auf der anderen Seite muss gesagt werden, dass es nun falsch wäre, einfach zu behaupten, das sei bei Physikern nicht so. Die Faszination für das Fach kommt ja meist aus den gleichen Ursprüngen. Oftmals hört und liest man auch bei Physikern, dass sie sich wundern und Zweifel haben. Auch, dass sie sich über den spekulativen Teil ihres Weltbildes im Klaren seien. Ich möchte das dennoch ein wenig in Zweifel ziehen, auch aus meinen eigenen Erfahrungen mit den Videos von Hr. Kirchhoff: Es ist nicht so einfach, Spekulationen wirklich als Spekulationen zu erkennen, zumal wenn man sich als Physiker von Philosophen abzugrenzen sucht. Denn dann kommt das ganze Selbstverständnis als Physiker ins Wanken, wenn man sich wirklich bewusst wird, wie ungeheuerlich eigentlich das Weltbild eines Einstein eigentlich ist, den Raum krümmen zu lassen und aus Energie Materie entstehen zu lassen.

(muss nun speichern, der Text war aber noch nicht fertig)