De Broglie vs. Bohr

www.spektrum.de/news/aus-fuer-analoge-quantentheorie/1623144

Zunächst einmal freut es mich zu hören, dass es Forscher gibt, welche de Broglie potentiell noch ernst nehmen. Ich bekam seine Bücher nur noch im Antiquariat. Das halte ich für schlimm angesichts dessen, dass wir es mit einem Nobelpreisträger zu tun haben. Das Aus für die analoge Deutung (ein für mich noch selten angetroffener Sprachgebrauch, ich weiß noch nicht, ob ich diesen gut finden soll, er klingt mir nach einer Gegenposition zu einer digitalen Deutung, wovon ggf. David Tong auch als moderne Variante sprach, weil ein plancksches Quant irgendwie einem Bit entsprechen könnte) wäre hier aber allenfalls auf die Pilotwellen-Interpretation zu beziehen. Dessen sollte man sich bewusst bleiben. Es klingt so, als wäre dieser Interpretationsansatz die einzig ernstzunehmende Alternative.

Ich lese Schrödinger und Weyl ganz anders, nämlich als geometrische Eigenschaften der Raumzeit auf Größenordnung der Atome. Die Psi-Wellengleichung beschreibt eine Störung des Gravitationspotentials.

Eine holländische Zeitung brachte vor ein paar Monaten einen vergleichsweise intelligent klingenden Bericht, dass Du über den Zusammenhang von Gravitation und Materiewellen etwas Wichtiges herausgebracht habest. Das würde mich schrecklich interessieren, weil ich eigentlich schon lange glaube, dass die Ψ-Wellen mit Wellen der Störung des Gravitationspotentials zu identifizieren sind.
Schrödinger an Einstein, 1939.

Materie ist insofern ein stabil schwingender Zustand der Raumzeit auf kleinem Raum. Das elektromagnetische Feld könne über Affinität (in der Mathematik der Tensor-Metrik) an den Gravitationstensor gekoppelt werden. Das sei das Geheimnis der „Materiewelle“.

Ähnlich dem Pilotwellen-Gedanken meldete sich sogar in den 50-er Jahren der unangefochtene Meister der Wissenschaftstheorie zu Wort, zeigte sich schockiert von der Quantentheorie (insbesondere der Kopenhagener Deutung) und dem Widerstand der Vertreter, Kritik ernst genug zu nehmen. Er unterstellte „Distinguiertheit“, ein Urteil, keine Kritik ernst zu nehmen, sondern sich im elitären Wissen zu sonnen. In der Einleitung schreibt er, dass er die gute Qualität der wissenschaftlichen Diskussion in Gefahr sieht („Die Quantentheorie und das Schisma der Physik“). Insbesondere wünschte er sich, Einstein und Schrödinger ernst zu nehmen. Und er sei absolut kein Gegner von kreativen Ideen, er liebe kreative Ideen und Spekulationen, sofern sie zielführend und vor allem nicht dogmatisch sind.

Als Realist und mit Kenntnis des Ringens von mehr als 2000 Jahren mit dem Wesen der Materie und seinen diversen Erscheinungsformen, hielt er es für fatal, sich von einem „objektiven“ Wissen über den Aufbau der Materie abzuwenden und das Verstehen-Wollen einzutauschen gegen die positivistische, anti-metaphysische Grundhaltung, sich mit dem Messen zu begnügen, um Spekulationen über „eine wahre Gestalt“ des unsichtbaren Objekts nicht notwendig zu haben. Letzteres war aus meiner Sicht nämlich die besondere Grundlage der Einsichten von Helgoland, angeregt von Pauli, sich gedanklich einmal von möglichen Bahnen der Elektronen zu befreien und nur Fakten sprechen zu lassen. Das war dann in erster Linie das Zusammenbringen der Anzahl der Elektronen mit den Energien, wie sie die Spektrallinien der Elemente messen ließen. Das Ergebnis: Ein großes Gleichungssystem, ohne Anspruch, Bahnen zu beschreiben. Dieses Gleichungssystem war vor Schrödinger mathematisch erfolgreich. Schrödinger ahnte, dass der Erfolg zusammen mit dem Erfolg seiner Wellengleichung eine Gemeinsamkeit haben musste. Und er konnte diese Gemeinsamkeit dann auch mathematisch darlegen.

Leider entschied man sich nach 1927 dann für die positivistische Variante der rein statistischen Deutung der Wellenfuntion, welche eigentlich das Potential hatte, als Materiewelle einer reinen Feld-Ontologie Leben einzuhauchen. Denn erst die Teilchen-Ontologie bringt die Schwierigkeiten der Quantenphysik mit. So scheiterte ja auch de Broglie an den Pilotwellen, weil er Elektronen als Teilchen betrachtete.

Tatsächlich gibt es auch eine philosophische Tradition, ein Kontinuum in den Mittelpunkt zu rücken, Teilchen oder Seiendes sind dann Gestalten im Kontinuum. Beispielsweise Aristoteles. Popper kannte diesen Weg, sieht auch, dass Schrödinger auf diesen Spuren wandelt, fühlte sich aber leider von diesem Lösungsansatz nicht angesprochen.