Popper zu Kepler

Immer wieder merke ich, wie schade es ist, dass viele Bücher bei mir noch weitgehend ungelesen im Regal stehen. Stattdessen zappe ich in freien Zeiten durch YouTube und schalte z. B. neben Haushaltstätigkeiten wissenschaftliche Videos an, welchen ich dann meinst nur hörend folge.

Ohne die Videos von Jochen Kirchhoff als besonderer Kenner von Giordano Bruno, wäre ich beim Blättern durch Poppers Spätwerk „Alles Leben ist Problemlösen“ ggf. erst wesentlich später auf dieses sehr wichtige Kapitel aufmerksam geworden: „Kepler – Seine Metaphysik des Sonnensystems und seine empirische Kritik“.

Ich bin ein Gegner von Niels Bohrs berühmter Theorie der Komplementarität von Teilchen und Wellen, nach der Unbekanntes (ein „Ding an sich“) einmal als Teilchen erscheint und ein andermal als Welle, aber so, dass diese beiden Erscheinungsweisen sich gegenseitig ausschließen. […] Ich bin ein Anhänger von de Broglies Pilotenwellen; also der viel einfacheren Hypothese, dass es sowohl Teilchen wie auch Wellen gibt und dass die materiellen Teilchen von immateriellen Wellen gesteuert werden, deren Amplituden probabilistische Tendenzen bestimmen – Propensitäten […].

Ich habe […] die Hypothese verfolgt, dass das Leib-Seele-Problem vielleicht durch die Annahme gelöst werden kann, dass die Seele das hochkomplizierte und sich dauernd ändernde System von Propensitäten ist, das durch die Wellenfunktion des Gehirns beschrieben wird. Diese metaphysische Hypothese kann man als Versuch beschreiben, die berühmte Theorie von Simmias in Platons Phaidon weiterzuführen, also die pythagoräische Theorie, die die Seele als die Harmonie des Leibes ansieht.

Ich vermute, dass einige meiner Zuhörer über meine begeisterte Zustimmung zu Keplers metaphysische Hypothesen erstaunt sein werden, und vielleicht sogar ärgerlich. […] Es ist daher gar nicht unwahrscheinlich, dass einige auf die Idee kommen werden, meinen offenbar opportunistischen Gesinnungswechsel vom Positivismus zur Metaphysikfreundlichkeit als eine Altersverblödung zu diagnostizieren.

Nun, das mit der Altersverblödung mag ja wohl stimmen; aber der Gesinnungswechsel stimmt nicht. Denn schon in meiner ersten wissenschaftstheoretischen Veröffentlichung aus dem Jahre 1933, und seither immer wieder, habe ich gegen den Positivismus (in dessen Organ Erkenntnis) betont, daß die Naturwissenschaft, historisch gesehen, als eine Art Niederschlag von metaphysischen Ideen entstanden ist. Ich dachte natürlich schon damals, wie auch heute, vor allem an die Atomtheorie von Leukipp und Demokrit. Jene Veröffentlichung von mir aus dem Jahre 1933, in der ich meine Logik der Forschung ankündigte, war nur etwa zwei Seiten lang. Ich konnte deshalb in ihr nur solche Ideen besprechen, die mir als die allerwichtigsten erschienen. Und diese Ideen waren: erstens eine Widerlegung von Schlick und Wittgenstein, und zweitens die These, daß die naturwissenschaftlichen Theorien, historisch gesehen, oft aus der Metaphysik stammen, von der sie sich dadurch unterscheiden, daß sie deren falsifizierbare Niederschläge sind.

Bitte lesen.


PS: Habe gerade einmal nachgesehen: Es heißt wohl doch eher „Pilotwellen“. Dass hier „Pilotenwellen“ zum Druck kam, lässt mich ein wenig daran zweifeln, wie ernst er den Ansatz wirklich nahm.

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