Schrödinger an Max Born: Kopf waschen

10.10.1960, Schrödinger an Born

Du Maxl, Du weißt, ich hab‘ Dich lieb und daran kann nichts etwas ändern. Aber ich hab das Bedürfnis, dir einmal gründlich den Kopf zu waschen.  Also halt her. […] Seit wann wird eigentlich eine wissenschaftliche These durch die Mehrheit entschieden? […] Entschuldige, aber mir kommt manchmal so vor, als hättet ihr Leute die wiederholte emphatische Feststellung zur Stärkung Eurer eigenen Zuversicht nötig, so à la: Sieg-Heil-Sieg-Heil-Sieg…

Habt Ihr denn gar keine Angst vor dem Urteil der Geschichte? Seid Ihr so überzeugt, daß die Menschheit demnächt durch ihre eigene Tollheit zu grunde geht.  Und nun gar: das ur-ur-alte Rätsel freier Wille gegen kausale Determiniertheit habe nun endlich eine Lösung gefunden durch die kuriose Erfindung der Komplementarität. (Schüler: Doch ein Begriff muß bei dem Worte sein. Mephisto: Schon gut, nur muß man sich nicht allzu ängstlich quälen, denn eben wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein. […])

Ja habt ihr denn tatsächlich keine Ahnung wie naiv Ihr seid? Liest niemand den Ernst Cassierer oder wenigstens mich? Kennt niemand das erste Buch des Lucretius Carus? welches  – oder vielleicht sein Held Epikur – das Rätsel von 2000 oder mehr Jahren schon so ziemlich auf dieselbe Art gelöst hat, bloß mit weniger Stacheldraht von Formeln […].