Methodischer Realismus

Wir stehen bei unseren Argumenten oftmals auf der Seite der Metaphysik, also einer Seite, welche mit Falsifikation nicht beizukommen ist. Popper und Vollmer verwerfen solche Argumente aber nicht als unwissenschaftlich, kühne Hypothesen sind gewünscht, wenn sie kritisierbar sind. Sie nennen es „gute Metaphysik“.

Vollmer: Gretchenfragen an den Naturalisten, S. 29 f.

Der Naturalist folgt hier Poppers Falsifikationsprinzip: Eine gute erfahrungswissenschaftliche Theorie muss an der Erfahrung scheitern können! Das ist eine Forderung; leider ist sie nicht immer erfüllbar. Wo sie es nicht ist, da muss das Wort „erfahrungswissenschaftlich“ vorläufig verweigert werden.
Ist eine Theorie tatsächlich nicht prüfbar, so sollte sie wenigstens anderweitig kitisierbar sein. Diese Forderung gilt für alle wissenschaftlichen, ja sogar für alle rationalen Unternehmungen; Kritisierbarkeit ist danach das beste Kriterium für Wissenschaftlichkeit und allgemein für Rationalität. Dagegen ist Dogmatismus keine rationale Einstellung. […] Unser methodologisches Leitmotiv lautet also: Kühne Hypothesen und strenge Kritik! […]
Die Kritisierbarkeit steigt mit der Präzision und der Einfachheit der Aussagen. Deshalb ist die Mathematik ein gutes, sogar ein unentbehrliches Werkzeug zur Beschreibung der Welt.

Anna Ijjas hat den Verdacht, auf Basis der Diskussion auf Ebene der Metaphysik ließe sich das Interpretations-Chaos der Quantentheorie vielleicht entscheiden. Es ist ein Kernthema ihrer Doktorarbeit. Zweit-Beurteilung duch niemand anderen als Harald Lesch!

Es entspricht meinem Bauchgefühl, als ich Axel Stöcker zum ersten Mal auf einen Blogbeitrag antwortete. Damals ging es um Hawking und der Aussage, die Physik sei tot. Auch hier war meine These: Vermutlich sind die Kernprobleme der Physik eher auf der Ebene der Diskussion auf Ebene einer Metaphysik zu lösen.

Anna Ijjas: Der Alte mit dem Würfel. S. 29 f. (Verlag Vandenhoeck & Ruprecht):

Exkurs: Zur Eigenart metaphysischer Theorien

Metaphysische Theorien werden nahezu permanent der Irrationalität bezichtigt. Dies geschieht üblicherweise mit Rekurs auf ihre vermeintliche Unwissenschaftlichkeit oder Sinnlosigkeit. Sobald ihnen aber jeglicher kognitive Geltungsanspruch entzogen wird, ist ihre Kritik oder gar Revision auch nicht mehr möglich. Sie rücken in eine Sphäre, in der die für wissenschaftliche Theorien anwendbaren Kriterien sich als untauglich erweisen. Im Allgemeinen ist es nicht leicht, auf solche Anfragen zu erwidern. Die einschlägigen Diskussionen betreffen in nahezu jedem Fall ganze Rationalitätskonzepte und mit diesen verbundene erkenntnistheoretischen Grundfragen. Oft handelt es sich außerdem um eine Gegenüberstellung empirisch-wissenschaftlicher und metaphysischer Theorien mit Hinweis auf ihre Unvereinbarkeit im Rahmen einer einzigen Rationalitätstheorie.

Eine Ausnahme hierbei scheint das kritisch-rationale Konzept darzustellen: Offensichtlich fasst das Modell den Theoriebegriff weit genug, um nicht-empirische Theorien nicht von vornherein auszuschließen oder für sie eine eigene Rationalitätstheorie einführen zu müssen. Für wissenschaftliche Theorien werden einheitlich alle logisch widerspruchsfreien Sätze oder Satzsysteme gehalten, die als Lösungsversuche eines wohl definierten Problems fungieren. Auch die Unterscheidung von Theorietypen soll nicht die Metaphysik disqualifizieren, sondern erfolgt im Sinne einer optimalen kritischen Diskussion der jeweiligen Vorschläge. Im Rahmen des kritizistischen Modells erfahren also mehtmaphysische Aussagen eine gewisse Aufwertung: Sie können nunmehr als wissenschaftliche Theorien bezeichnet werden, sofern sie logisch widerspruchsfreie Lösungen eines gegebenen Problems darstellen. Ein Ausschlusskriterium wie Beweisbarkeit greift nicht mehr; dieses Kriterium wäre bereits im Falle empirisch-wissenschaftlicher Theorien unerfüllbar und müsste folglich gleichsam etwa der Physik den Wissenschaftscharakter absprechen.

Andererseits ist die Klassifizierung als wissenschaftliche Theorie auch mit Einschränkungen verbunden: Es kann keine metaphysische Aussage mehr den Anspruch auf absolut sichere Wahrheit erheben und sich somit einer mit ihrer Revision verbundenen kritischen Diskussion entziehen. Dies steht nicht einmal einer physikalischen Theorie zu, obwohl deren Falschheit empirisch entscheidbar ist. Die sie gleichsam definitorisch charakterisierende Eigenschaft der empirischen Unentscheidbarkeit macht den Status metaphysischer Theorien noch ambivalenter: Als Lösungsversuche bestimmter Probleme sind sie unverzichtbar, ihre kritische Diskussion droht jedoch sich als endlos und unfruchtbar zu entpuppen, denn sie sind nicht einmal auf ihre Falschheit hin empirisch prüfbar. Angesicht dieser Schwierigkeiten könnte man zu dem Schluss kommen, sich vor jeglicher Diskussion metaphysischer Theorien zu hüten. Oder man kann die ambivalente Natur der Situation als Aufforderung betrachten, einen noch intensiveren Dialog der möglichen Vorschläge zu führen, als es konkurrierende empirisch-wissenschaftliche Theorien bedürfen. Diese Arbeit will mit der zweiten Option ernst machen.