A. Unzicker: Mit der Mehrheit schwimmen

Alexander Unzicker: Auf dem Holzweg durchs Universum. Warum sich die Physik verlaufen hat. (2012)

S. 88 f.

Vielleicht sollte ich hier ein paar Worte über Machs eigenartige Reputation sagen. Mit seinem Rauschebart scheint er mir in der Physik eine ähnliche Rolle auszufüllen wie Freud in der Medizin seiner Zeit voraus und vor allem von denen als antiquiert eingeschätzt, die ihn nicht verstanden haben. Jedenfalls blieb mir der Mund offen stehen, als ich zum ersten Mal folgende Kritik von einem Astronomen hörte: „Mach? Was wollen Sie denn mit dem, der hat doch noch nicht mal kapiert, dass es Atome gibt!“ Daran ist richtig, dass es Ende des vorvergangenen Jahrhunderts eine Diskussion zwischen Ernst Mach und Ludwig Boltzmann über die thermodynamischen Eigenschaften von Materie gab, in der Boltzmann mit seiner Erklärung durch Atome recht behielt. Nur: Man halte sich vor Augen, dass um 1890 ein naives Teilchenbild von Materie herrschte, das durch die von der Quantenmechanik offengelegte Wellennatur zwei Jahrzehnte später völlig zertrümmert wurde. Mach hatte also mit seiner Skepsis gegenüber einer Bauklötzchenstruktur der Natur auch recht. Aber die zitierte Kritik an Mach hat noch eine viel absurdere Komponente: Es gibt keinen großen Physiker, der sich nicht irgendwo geirrt hat, und oft bis hin zum Eigensinn. Planck glaubte zu wenig an seine größte Entdeckung, das Wirkungsquantum, Einstein bekämpfte zu Unrecht den Zufall in der Natur, Dirac spekulierte über nicht existierende magnetische Monopole, Heisenberg scheiterte an einer einheitlichen Theorie, Bohr verlor sich in metaphysischen Interpretationen der Quantenmechanik. Und Mach glaubte nicht an Atome. Na und? Tut das ihren Leistungen Abbruch? Gegen solche Irrtümer gibt es nur eine Versicherung: Gar nicht nachdenken und mit der Mehrheit schwimmen.

Mach traute sich dagegen, ein Konzept der Über-Autorität Newton in Frage zu stellen, und vielleicht hat er dabei sogar einen Aspekt tiefer durchdrungen als Einstein. Wenn Sie jedenfalls ein ironisches Lächeln wahrnehmen, mit dem ein Gesprächspartner sein Desinteresse an ‚altem philosophischen Kram‘ wie dem Machschen Prinzip zeigt, dann ist das vor allem eines: Symptom einer Arroganz der Gegenwart, einer der ernsten Krankheiten der heutigen Physik.