A. Unzicker: Mehrheitsentscheidung 2

Alexander Unzicker: Auf dem Holzweg durchs Universum. Warum sich die Physik verlaufen hat. (2012) S. 108 f.

Letztlich drückt sich die Kopenhagener Deutung um die Frage, wie die Welle denn flugs zum Teilchen wird. Über dieses Messproblem der Quantenmechanik ist erdrückend viel geschrieben worden, sodass ich dem nicht viel hinzufügen möchte. Eine Lektüre, die Spaß macht und einige Worthülsen seziert, ist zum Beispiel John Bells Buch Speakable and Unspeakable in Ouantum Mechanics. Man hat aber bisher einfach keine überzeugendere Interpretation der Quantentheorie, insbesondere keine, die neue überprüfbare Vorhersagen macht. Solche fehlen zum Beispiel bei der Viele-Welten-Theorie, die anstelle einer Zufallsentscheidung annimmt, in jedem Moment würden sich romanhafte Alternativwelten verzweigen die alle real seien, und wir lebten just in einer davon. Meine persönliche Lieblingswelt ist die, in der es die Viele-Welten-Theorie gar nicht gibt. Nach der Viele-Welten-Theorie muss auch diese existieren. So sind alle zufrieden, auch diejenigen, die den Ansatz heute zu Multiversums-Theorien verallgemeinern wollen, die zur Erklärung von allem taugen, wenn man gar nichts mehr verstanden hat. Der Nährboden für solche Fantasien sind die merkwürdigen Naturerscheinungen der Quantentheorie, die bisher noch nicht wirklich verstanden wurden. Trotz neu gebildeter Begriffe ist unser Vorstellungsvermögen dabei ziemlich hilflos. In solchen Situationen ist die Wissenschaft anfällig, eine von der Mehrheitsmeinung diktierte Richtung einzuschlagen und Querdenker auszugrenzen wie etwa David Bohm, der in seiner Theorie den Zufall mit Annahmen zu umgehen versucht, die allerdings auch nicht leicht zu verdauen sind. Bohm war sicher ein kluger Kopf, und interessanterweise schätzte Richard Feynman ihn offenbar so sehr‚ dass er während seines Aufenthaltes in Rio de Janeiro mit ihm auf ausgedehnten Strandspaziergängen diskutierte. Wem dagegen die Karriere wichtig war, der versuchte bei der reinen Lehre aus Kopenhagen zu bleiben. So soll der ehrgeizige Robert Oppenheimer zum Beispiel geäußert haben: „Wir müssen beschließen, Bohm zu ignorieren.“ Die Quantenmechanik begann orthodox zu werden. Kein gutes Zeichen für eine Wissenschaft.

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