Irgendwo steckt immer der Pferdefuß

Ein Gastbeitrag von Steffen Zimmermann


Es freut mich, Steffens jüngste Veröffentlichung auf Facebook auch hier veröffentlichen zu dürfen! Damit bekommt die Seite „Akademie Olympia“ zum ersten Mal den von mir angestrebten Charakter einer Diskussionsgruppe im Stile von Einsteins Freundeskreis. Vielen Dank, Steffen!

Diesen Beitrag werde ich nun auch mit einem Kommentarbereich versehen, behalte mir aber vor, Angriffe oder esoterischen Unfug nicht freizugeben.

Steffens Beitrag schätze ich unter anderem deshalb, weil er sich im Gegensatz zu mir auch die Bohm’sche Mechanik näher angesehen hat, eine Theorie, welche heute noch als erfolgsversprechend gehandelt wird, der orthodoxen Theorie im Stile der Kopenhagener Deutung das Wasser reichen zu können. Wenn eine Alternative mit einige Respekt genannt wird, dann die Theorie Bohms, welche auch de Broglie wieder aktiv werden ließ. Vielleicht darf ich mir an dieser Stelle von ihm wünschen, uns demnächst mehr von diesen beiden Köpfen hier zu erzählen!

Mit der Wahl des Titels will ich eine exponierte Stelle in seinen Ausführungen benennen, welche auch auf Facebook zuletzt diskutiert wurde. Die Aussage stammt in etwa so von Schrödinger, welcher (wie Einstein, ergänze ich) in der statistischen Deutung wohl auch einen weiteren Aspekt der Wahrheit aufschimmern sieht, welcher in der reinen Wellenmechanik nicht zu erblicken sei.

Vielleicht doch an dieser Stelle schon ein Kommentar vor mir: Ich meine, einen öffentlichen und einen privaten Schrödinger kennengelernt zu haben. Der öffentliche Schrödinger war bestrebt, die Theorien der Kollegen aus Göttingen und Kopenhagen in aller Professionalität zu kritisieren. Einstein schlug Heisenberg für den Nobelpreis vor! Erst in privaten Briefen bekommt man einen Eindruck, dass es auch eine Seite des Zweifels gibt, welche gern weniger versöhnlich wäre. Aber man konnte spätestens einen Bohr nicht öffentlich angreifen, ohne sich selbst damit zu disqualifizieren! Bohr war DIE Autorität zu jener Zeit. Und Bohr hatte seine schützende Hand über Heisenberg, damit wurde auch dieser unantastbar. Nur Einstein erlaubte sich, seiner eigenen Rolle als anerkannter Querdenker bewusst, Bohr zu kritisieren, was wohl immer auch eine gefährliche Gratwanderung war!


 

„Da hast Du dir ja was Schönes eingebrockt!“

..soll der Physiker Friedrich Hund damals zu seinem Kollegen und guten Freund Werner Heisenberg gesagt haben, als dieser 1925 mit seiner „Matrizenmechanik“ der Fachwelt eine erste konsistente Quantentheorie vorgestellt hat. Die weitere Ausarbeitung dieser „Matrizenmechanik“ in Göttingen zusammen mit Max Born, der die „Wahrscheinlichkeitsinterpretation“ beigetragen hat, und Pascal Jordan, der die Theorie mathematisch ausformuliert hat, wird heute als die „Kopenhagener Deutung“ bezeichnet.

„Kopenhagener“ Interpretation nennt man sie deshalb, weil 1. der große Physiker Niels Bohr aus Kopenhagen bei seinen Besuchen hier in Göttingen dieses Vorhaben einer neuen Physik überhaupt erst entzündet hat (siehe „Bohr-Festspiele“), 2. Bohr mit seinem „Korrespondenzprinzip“ schon eine grobe Anleitung für eine solche Quantenmechanik vorgegeben hat, 3. weil Kopenhagen das damalige Zentrum für die frühen Quantenphysiker war, alle ihre Zusammenkünfte dort stattfanden, und sie alle jeweils auch zeitweise in Kopenhagen gearbeitet haben, und 4. weil viele Physiker des Kopenhagener Instituts die Göttinger „Quantenmechanik“ (der Begriff stammt übrigens von Born) unterstützt haben, so auch Bohr.

Kopenhagen bildete damals das Zentrum der modernen Physik (mit Bohr und seiner Atomforschung) und Göttingen das Zentrum der Mathematik (mit Hilbert und seiner Axiomatik und dem unendlich-dimensionalen Konfigurationsraum). Beides kam hier in der Quantentheorie zusammen! David Hilbert hatte das damalige Problem der Physiker gesehen und meinte: „Die Physik ist ja für die Physiker viel zu schwer.“ Ab jetzt benötigen sie in einem ganz anderen Maße die Mathematik. Heisenberg erklärte rückblickend: „Von Sommerfeld [in München] hab‘ ich den Optimismus gelernt, von den Göttingern die Mathematik, von Bohr die Physik.“

Einstein, einer der ersten und wichtigsten Kritiker dieser neuen Quantenmechanik, meinte dazu: „Heisenberg hat ein großes Quantenei gelegt. In Göttingen glauben sie daran, ich nicht.“ Gar als eine „Religion“ hat er diese Interpretation bezeichnet. Er schreibt: „Es dürfte eine richtige Theorie statistischer Gesetze sein, aber eine unzureichende Auffassung der einzelnen Elementarprozesse.“ Einstein war damit nicht ganz im Unrecht, zumindest war sein Einwand wichtig, und zwar so wichtig, dass man sagen könnte, die gesamte weitere Entwicklung der Physik hing davon ab. Und sein Einwand verliert überhaupt nicht an Aktualität. Selbst Planck übrigens, der eigentliche Erfinder der „Quanten“, hatte sich auf Einsteins Seite gestellt. Auch der Wissenschaftsphilosoph Karl Popper schloss sich Einsteins Kritik an. Jene „Unbestimmtheit“ sei nicht Eigenschaft der Natur, erklärt er, sondern der Quantenmechanik selbst, bei der sich von vornherein für den statistischen Charakter entschieden wurde.

Hund sollte also Recht behalten, mit dem, was er damals zu Heisenberg gesagt hat, denn seit diesem Zeitpunkt herrscht ein großer Streit über die möglichen physikalischen und philosophischen Implikationen des quantenmechanischen Formalismus. Die Kopenhagener Deutung interpretiert das physikalische Geschehen als antirealistisch (beobachter-abhängig) und indeterministisch (nicht-vorherbestimmt), was einen radikalen Bruch mit den bisherigen Vorstellungen der klassischen Physik bedeutete.

[Anmerkung: Friedrich Hund (1896-1997) war einer der letzten noch Überlebenden der ersten Generation von Quantenphysikern, der alle Beteiligten noch höchst persönlich kannte. Stolze 101 Jahre alt ist er geworden. Er war aber eher ein Physiker aus der zweiten Reihe, er beschrieb sich selbst als „Kärrner für die ganz Großen“ wie für Born, Bohr und Heisenberg. Den großen „Quantensprung“ in der Physik hat er also ganz direkt miterlebt und auch mitgestaltet. In seinen letzten Lebensjahren wurde er damit zum wichtigsten Ansprechpartner in Sachen Historie der Quantenmechanik, so zum Beispiel für den Wissenschaftsphilosophen Thomas Kuhn, der solche „Paradigmenwechsel“ der Wissenschaft untersucht hat. Hund hatte Mathematik in Göttingen bei Hilbert, Frank und Runge studiert. Seine Frau Ingeborg Seynsche war übrigens ebenfalls Mathematikerin und deren Enkelin eine berühmte Schachmeisterin. Aber die reine Mathematik war ihm, nach eigenen Worten, zu schwer, so dass er sich dann der theoretischen Physik zugewandt hat. Zusammen mit Heisenberg und Jordan arbeitete er als Assistent von Born und verbrachte zwischenzeitlich auch einige Zeit bei Bohr in Kopenhagen. Später lehrte Hund zusammen mit Heisenberg einige Jahre in Leipzig. Deren gemeinsame Vorlesungen liefen bei den Studierenden unter dem witzigen Titel „Heisenberg mit Hund“. C.F.v.Weizsäcker (der u.a. eine Quantenlogik entwickelt hat) und Edward Teller (der Vater der Wasserstoffbombe) waren wohl Hunds berühmteste Doktoranden in Göttingen.]

Bereits wenige Monate nach Heisenbergs großen Wurf hatte Erwin Schrödinger in Zürich eine erste konsistente Alternativtheorie vorgelegt, die „Wellenmechanik“, die das Geschehen realistisch und deterministisch interpretierte, die aber mathematisch und empirisch völlig äquivalent zur Matrizenmechanik war. Diese Wellenmechanik, so erklärt Schrödinger, „weist keinerlei Lücken auf, auch keine Unvollständigkeit des Kausalnexus, sie tut der klassischen Forderung nach völliger Determiniertheit genüge und tut das grundsätzlich vermittels der klassischen Methode der Feldgleichungen.“

Das passte den Göttingern natürlich gar nicht. Oliver Passon erklärt: „Allein schon ihre Existenz ist eine Provokation für all jene, die vorschnelle Schlüsse über die erkenntnistheoretischen Implikationen der modernen Physik ziehen wollen.“ Und tatsächlich ging die größere Feindschaft gegenüber alternativen Interpretationen von den Göttingern aus.

Seit Einsteins Kritik wurden mindestens zwei dutzend Interpretationen entwickelt, wie z.B. die Bohm’sche Mechanik oder die Multiversumtheorie. Die Kopenhagener Deutung wird seither auch als die „Standardinterpretation“ oder gar als „orthodoxe Interpretation“ bezeichnet. Einer der größten Nachteile, darunter alle alternativen Interpretationen leiden, ist, dass sie die empirischen Ergebnisse der Standardinterpretation immer nur reproduzieren können; aber darum geht es ja, sie führen selbst nicht zu neuen Ergebnissen, sondern stellen eben nur weitere Alternativen dar. Der quanten-mechanische Formalismus lässt sich sowohl indeterministisch als auch deterministisch, sowohl antirealistisch als auch realistisch reformulieren (bzw. interpretieren), die empirischen Ergebnisse sind dabei die gleichen. Und selbst der mathematische Formalismus besteht schon aus mehreren Formeln, die jeweils diesen gegensätzlichen Zugängen entsprungen sind. Der Formalismus selbst aber wiederum ist nicht an diese Interpretationen gebunden.

Das Besondere an der Quantentheorie ist, dass sie empirisch einen Indeterminismus und einen Antirealismus möglich macht. Aber sie selbst wiederum ermöglicht darüber kein Urteil. Die Natur, so könnte man sagen, versperrt sich hier einem Urteil. Die Quantentheorie zeigt also genau genommen auch nicht, dass der Indeterminismus wahr ist, sondern dass er empirisch MINDESTENS so gerechtfertigt ist wie der Determinismus.

Wir befinden uns auf dieser physikalischen „Ebene“ hier sozusagen jenseits von Realismus und Antirealismus und jenseits von Determinismus und Indeterminismus. Das sind bloß jeweilige Abstraktionen und Erscheinungen des Ganzen, etwas, was sich im Verlassen dieser Ebene überhaupt erst trennt. Hier ist noch nicht unterschieden zwischen einer unabhängigen und einer abhängigen Außenwelt; weder das eine, noch das andere.

Aufgrund dieses „neutral status“ der Quantentheorie enthalten sich nun viele Physiker diesen scheinbar metaphysischen Fragen, wie auch Paul Dirac, der u.a. eine Theorie entwickelt hatte, die beide gegensätzlichen Zugänge (also Quantenmechanik und Wellenmechanik) als Spezialfälle enthält („Transformationstheorie“), womit er die Äquivalenz beider Ansätze noch bekräftigen konnte. Es reiche doch völlig aus, so argumentieren jene Physiker, dass wir die Sache mathematisch exakt beschreiben können und mit dem Formalismus ein super funktionierendes Instrument an der Hand haben, um neue Techniken daraus entwickeln zu können. Was also wollen wir mehr? Diese Auffassung nennt man „Instrumentalismus“.

Das Problem an dieser Position ist allerdings, dass wir sehr wohl physikalische Erklärungen bzw. Interpretationen benötigen, da der reine Instrumentalismus sich nämlich selbst blockiert. Dieter Zeh erinnere das Vorgehen der Instrumentalisten an die Forderung der Kirche an Galilei damals, er solle doch das kopernikanische Weltbild lediglich als eine Rechenmethode betrachten, nicht als eine reale Tatsache. Das sagt nun hier allerdings jemand, der alle möglichen Konfigurationen des Konfigurationsraums in einer naiven Weise als ganz real betrachtet (siehe „Multiversumtheorie“).

Auch Popper kritisiert den Instrumentalismus: „Was heute den Physikern wichtig zu sein scheint, das ist die Meisterung des mathematischen Formalismus, d.h. des Instruments und dessen Anwendung; und sie kümmern sich um nichts anderes. Und sie denken, dass sie damit den philosophischen Unsinn endlich losgeworden sind.“ Nun, wir Philosophen wollen gar nicht, dass die Physiker immer so übergriffig auf die philosophischen Fragebereiche werden. Die positivistische Grenze für die Wissenschaften ist durchaus im Sinne und zum Selbstschutz der Philosophie vor den Wissenschaften gedacht.

Auf der Ebene des „Vollzugs“ des quantenmechanischen Formalismus kann der Instrumentalismus durchaus bestehen bleiben, das funktioniert, jedoch nicht auf der Ebene der „Konstitution“ der Physik. Die Physiker brauchen diese Interpretationen in klassischer Sprache zumindest als Hilfskonstrukte oder Gerüste für die Anschaulichkeit bzw. Intelligibilität, um überhaupt weiterbauen zu können, „ein Holzgerüst, das aber schlechterdings nicht entbehrt werden kann, um den Bau weiter zu führen“, wie Schrödinger erklärt: „Durch Aufhebung der Metaphysik werden Kunst und Wissenschaften zu Kieselskeletten entseelt, unfähig der geringsten Weiterentwicklung.“

Bohr ergänzt: But „we must be clear that when it comes to atoms, language can be used only as in poetry.“

So oder so, die Physik verliert zunehmend ihren Welt-erklärenden Charakter und wird zu einem bloßen Instrument für uns. Sie trennt sich zunehmend von der Metaphysik. Die unsachgemäße Vermischung bzw. gar Verwechslung der Ebenen von Physik und Metaphysik wird nun auch empirisch erschwert. Die Fächer Physik und Philosophie sind tatsächlich immer noch dabei sich zu trennen. Und es ist vielleicht ganz gut so, dass die „Weltanschauung“ in der Wissenschaft immer weniger eine Rolle spielt, dass da nun also ein Formalismus aufgetaucht ist, der auch die gegensätzliche Interpretationen befriedigt.

Wir müssen verstehen, dass wir die Metaphysik in der Physik noch benötigen, aber dass es dort in der Physik nicht mehr als nur ein „Gerüst“ darstellt. Das war übrigens fast jedem Philosophen schon immer klar, dass die Physik zwar die Metaphysik benutzt, diese aber hier nicht Metaphysik im eigentlichen Sinne ist, und darum Physik auch keine metaphysischen Fragen beantworten kann, sondern Metaphysik im metaphysischen Rahmen der Physik ist. So ist die Metaphysik, die in der Physik verwendet wird, eben nicht Metaphysik in vollem philosophischen Sinne, sondern eine Art Anwendung der gesamten Metaphysik auf einen Ausschnitt aus der Metaphysik.

[Anmerkung: Ähnlich etwa, so wie die philosophische Phänomenologie (übrigens zur selben Zeit in Göttingen von einem Mathematiker entwickelt), übertragen als eine Technik bzw. Methode in die Wissenschaften hinein (wie z.B. in die Psychologie oder die Sozialwissenschaften), nicht die philosophische Phänomenologie ist, sondern schon wieder fast das Gegenteil von dem, was diese Methode im philosophischen Sinne erfüllt, obwohl es doch genau dieselbe Methode ist. Der Entwickler der dieser Methode erklärt warum: In den Wissenschaften stehen wir schon „auf dem Boden der als seiend vorgegebenen Welt“, in der philosophischen Phänomenologie dagegen „entheben wir uns dieses Bodens“.]

Wenn also ein Physiker eine vermeintlich metaphysische Aussage tätigt, wie z.B. Einstein, wenn er einen Determinismus und einen Realismus von der Physik einfordert, dann ist damit noch lange nicht gesagt, dass damit metaphysischer Determinismus und Realismus gemeint ist. Das kommt nämlich ganz drauf an. NEIN, denn es ist hier eben keine metaphysische Frage, sondern eine physikalische Frage. JA, es können metaphysische Aussage sein, insofern jemand glaubt, durch die Physik metaphysische Fragen entscheiden zu können, die aber prinzipiell nicht entscheidbar sind.

Es stimmt zwar, Metaphysik verwandelt sich im Laufe der Entwicklung in Physik, aber, wie Schrödinger gut erklärt, „nicht in dem Sinne […] nie durch allmähliche Sicherstellung vorerst noch unsicherer Meinung, sondern durch Klärung und Wechsel der philosophischen Standpunkte.“

Die Kritiker der „Kopenhagener Deutung“, Leute wie Schrödinger und Bohm waren mit ihrem Determinismus und oder Realismus keine Metaphysiker, denn sie haben ihren empirischen Realismus und Determinismus begründet mit einem metaphysischen Idealismus (ähnlich Kant)!

Einstein, der zwar sehrwohl ein metaphysischer Determinist war, ging es um bestimmte methodische Fragen für die Physik: Wozu dient uns die Physik? Was ist ihre Aufgabe? Soll sie etwa nicht einzelne Prozesse beschreiben können? Warum sollte „Ich“ (das Subjekt) in dieser Theorie vorkommen, wo mir doch die Physik gerade deshalb dienlich ist, da „Ich“ mich von den Dingen abziehe? Diese Fragen wiederum sind natürlich auch schon metaphysischer Art, aber man muss hier eben sehr sauber differenzieren.

Aber auch in der Philosophie ist der Realismus in Bedrängnis gekommen, der ist hier genauso in der Opposition wie in der Physik. Die Philosophie der „Neuzeit“ bedeutete ja gerade eine Wende hin zum „Subjekt“. Kant war dahingehend die große „kopernikanische Wende“. Ohne diese Wende wäre auch die Quantenphysik gar nicht denkbar gewesen. Unsere Stellung zur Welt hat sich eben verändert, wir sind nicht einfach mehr in eine Welt hineingeworfen. Die Geschichte und die Naturgesetze gelangen zunehmend in unsere Gestaltungsmacht. Auch in der Kunst lässt sich diese Entwicklung ablesen, auch sie hat das reine AB-BILDEN irgendwann hinter sich gelassen.

Was da mit vielen menschlichen Katastrophen verbunden war und dann in der Atombombe mündete, das war die überaus schwere Geburt eines neuen Zeitalters, es bedeutet ein ganz neues Maß der Verantwortung für uns. Der Supergau der Ethik war nicht einfach nur eine Schwäche, wie Born erklärt, sondern „the inevitable consequence of the rise of science“.

Kants Transzendentalphilosophie → Hegels dialektischer Idealismus → Schopenhauer Willensmetaphysik → Nietzsches Perspektivismus → Cassirers Symbolphilosophie → Husserls Phänomenologie → Heideggers Hermeneutik der Faktizität usf., sie haben den Ansprüchen des metaphysischen Realismus ein für alle mal Grenzen gesetzt. Einsteins Relativitätstheorie hat zwar gewiss noch kein „Subjekt“ in die Physik eingeführt, aber man kann auch sie schon als einen ersten Schritt in genau diese Richtung deuten.

Ein anderer Nachteil der alternativen Interpretationen ist der, dass zumindest einige von ihnen mit „verborgenen Variablen“ operieren. Diese Parameter sind jedoch nur „verborgen“ von der Standardinterpretation aus, tatsächlich sind sie in diesen Interpretationen ja eingeführt, d.h. durch eine zusätzliche Gleichung ausgefüllt, um jeweils einen Determinismus oder Realismus zu erreichen. Man könnte diese Interpretationen, welche mit weiteren Variablen arbeiten, als „überreiche Interpretationen“ verstehen, die mit einem weiteren Mechanismus ausgestattet sind. Dass das empirisch nicht nötig ist, habe ich ja bereits erwähnt.

Bevor man aber Einstein und seine Einwände gegen die Quantenmechanik einfach abschmettert, so als hätte er den neuen Entwicklungen nicht mehr folgen können und klammere sich an die alte klassische Physik, sei dazu gesagt, dass Einstein vielleicht der größte physikalische Geist überhaupt war. Seine Bedenken waren und sind noch immer in vielerlei Hinsicht fundamental wichtig. Ich habe ihn lange selbst etwas unterschätzt. Eigentlich, wenn man etwas genauer hinschaut, so stammen fast alle besonderen Effekte der Quantenphysik aus seinem genialen Kopf: der Kollaps der Wellenfunktion, die Superposition und auch das Doppelspalt-Experiment.

Es ist außerdem auch besonders die Kritik an der einsteinschen Kritik, die uns zu unserem heutigen Verständnis der Quantenphysik maßgeblich verholfen hat. Es ist genau dieser Streit, den wir durch Experimente beantworten wollen (was völlig illusionär ist), durch den wir aber weiteren Einblick erhalten in die Funktionsweise dieser besonderen physikalischen Ebene. Es sind gerade diese Versuche, die uns mehr Aufschluss geben über diese besondere Ebene, wo es darum geht herauszufinden, inwieweit ein Realismus noch gelten kann, d.h. inwieweit „Ich“ (das Subjekt) mich davon noch ausnehmen kann, – sozusagen in der Bewegung entlang auf der Grenze zur Realität.

Die deterministischen und realistischen Interpretationen spielen eine wichtige Rolle vorallem beim Verständnis der Quantenmechanik, weil sie einen alternativen Standpunkt ermöglichen. Durch diesen bekommt erst alles „Kontrast“, so will ich es mal ausdrücken, selbst wenn ein solcher Zweifelsmoment isoliert eine Sackgasse darstellt.

Auch in der Sache selbst verhält es sich so, dass die unterschiedlichen Interpretationen sich gegenseitig „Docht und Funken“ zur Erhellung dieses besonderen Raumes sind. Denn der Riss der gegensätzlichen Zugänge zieht sich, wie schon gesagt, bis in den Formalismus selbst hinein. So hat die Schrödinger-Gleichung viel zur Vollendung der Quantenmechanik beigetragen. Wobei, wie schon gesagt, man kann sie eben auch abkoppeln von der Interpretation, wie es Born gemacht hat. Er hat die Schrödinger-Gleichung aber gebraucht, um seine Wahrscheinlichkeitsinterpretation zu entwickeln, was Heisenberg sofort als ein Überlaufen ins feindliche Lager verstanden hat. Und Schrödinger meinte dazu, dass er diese Gleichung nicht veröffentlicht hätte, wenn er das gewusst hätte. Hund z.B. benötigte die Wellenmechanik, um damit bestimmte Probleme zu umgehen, die bisher der richtigen Anwendung der Quantentheorie auf das Problem der Molekülbindungen im Wege standen.

Über den Sonderweg der Wellenmechanik schreibt Martin Uhlmann: „Wenn auch dieses Programm über die Jahrzehnte hin immer wieder in eine Sackgasse führte und ihr Einfluss auf die Physik bis in die jüngste Vergangenheit keineswegs dem angestrebten Anspruch entsprach, führte sie doch zu sehr wichtigen Teillösungen und begrifflichen Erweiterungen.“

Als Schrödinger zu Besuch in Kopenhagen war, da versuchte Bohr ihn natürlich von der Quantenmechanik zu überzeugen. Die Überzeugungsversuche Bohrs gingen soweit, dass er bei ihm sogar am Krankenbett gesessen hat, als dieser ein paar Tage krank im Bett verbringen musste, und auf ihn weiter einredete, aber erfolglos. Andererseits war Schrödinger nicht so einseitig, wie Heisenberg, der nämlich der Wellenmechanik ganz und gar abgesprochen hat, überhaupt eine konsistente Theorie zu sein. Das wiederum machte nun Bohr skeptisch gegenüber Heisenberg.

Bohr erklärt, die Wellenmechanik sei eine „ebenso konsistente Theorie wie Heisenbergs Matrizenmechanik“, „und es ist sehr interessant zu sehen, wie die Vorstellung von einem Korpuskel oder von einer Welle sich als die geeignete erweist, je nachdem an welcher Stelle in der Konstruktion das Merkmal der Diskontinuität, das in den Postulaten enthalten ist, explizit eingeführt wird.“

Bohr übertrug sein „Komplementaritätsprinzip“ (Welle+Teilchen=komplementär) immer mehr auf andere Bereiche, auch auf die Frage der Interpretationen, denn auch die müssten sich logischerweise komplementär verhalten, denn: die einen ändern die Partikelmechanik so ab, um Welleneigenschaften dadurch zu erhalten, die anderen ändern die Wellentheorie so ab, um unteilbare Partikel zu ermöglichen.

Schrödinger gestand Heisenbergs Ansatz wenigstens zu, „einen Teil der Wahrheit“ zu enthalten. Er räumt sogar den Vorteil der heisenbergschen Quantenmechanik ein, die nämlich wegen mangelnde Anschaulichkeit „nicht dazu verleite, räumlich-zeitliche Bilder des atomistischen Geschehens zu formen, die vielleicht prinzipiell unkontrollierbar bleiben müssen.“ Er erklärt: „In der Tendenz steht der Heisenbergsche Versuch dem vorliegenden [also seinem] außerordentlich nahe. […] In der Methode aber ist er so toto genere verschieden, dass es mir bisher nicht gelungen ist, das Verbindungsglied zu finden. Ich hege die ganz bestimmte Hoffnung, dass diese beiden Vorstöße einander nicht bekämpfen, vielmehr, gerade wegen der außerordentlichen Verschiedenheit des Ausgangspunktes und der Methode, einander ergänzen werden, indem der eine weiterhilft, wo der andere versagt.“

Jede Interpretation (bzw. „Reformulierung“ des Formalismus) hat ihre Vorteile und ihre Nachteile, jede hat dieselbe „Lücke“ lediglich an eine andere Stelle hin verschoben. Irgendwo steckt immer der „Pferdefuss“, wie Schrödinger es ausgedrückt hat. Für jeden Geschmack gibt es eine Interpretation, aber keine überzeugt vollends. Nur wenn man sie sich alle anschaut und sie alle denkt, dann entwickelt sich langsam ein Verständnis für die Quantentheorie, weil man dadurch das Problem jeweils von einem anderen Winkel her beleuchtet bekommt.

Der mathematische, abstrakte Konfigurationsraum, dieser „geistige Raum“ (Planck) der Quantenmechanik ist empirisch nicht zu beweisen. Und wenn die Quantenmechaniker diesen aber einfach so hinnehmen und sagen es gäbe daran nichts zu verstehen, dann ignorieren sie einfach nur das Problem, wie Bohm kritisiert. Er skizziert die Situation anhand des Höhlengleichnisses: „In Plato’s allegory of the cave people are chained and looking at the shadows, trying to see regularity in the shadows. You can imagine doing calculation thing is, that there is certain probability that this shadow comes there and that shadow there. […] But Plato suggested that, if they were able to turn around and look at the light, than eventually they would see it, that these shadows were only shadows.“

Dass also realistische und deterministisch Interpretationen empirisch möglich sind, das zeigt doch, wie John Bell erklärt, „that vagueness, subjectivity and indeterminism are not forced on us by experimental facts, but by deliberate theoretical choice.“ Und selbst Weizsäcker aus der Göttinger Schule hat eingestanden, dass es letztlich eine „ästhetische Entscheidung“ sei.

In der Bohmschen Mechanik etwa, so Bell weiter, „you find a scheme of equations which completely reproduces all the experimental predictions of quantum-mechanics and it simply does not need an observer. So I think it is somewhat scandalous that this theory is so largely ignored in textbooks and is simply ignored by most physicists. They don’t know about it.“

Um das ganze hier abzuschließen, will ich die gegensätzlichen Positionen nochmal etwas nebeneinander stellen: Die eine Seite wirft der anderen Seite vor, sie klebe noch zu sehr an alten klassischen Schemen, es bräuchte doch diese Art der physikalischen Erklärung nicht mehr, das sei nur eine, dem Bedürfnis nach Anschaulichkeit frönende „fleischliche Umkleidung“ für jenes „Geistige“, was wir nun entdeckt haben. Die andere Seite kritisiert ihre Gegner dafür, dass sie das, was ursprünglich nur als ein Vorläufiges gedacht war, einfach naiv als Realität hinnimmt, dass sie sozusagen viel zu früh Philosophie betreiben.

Die Antirealisten behaupten, den Spielraum für realistische Konzepte immer weiter einzuschränken, die andere Seite meint, dass es immer weniger Grund dazu gäbe, die realistischen Konzepte abzulehnen.

Alle Versuche, die klassische Mechanik auf dieser Ebene anzuwenden, sind gescheitert, ja das stimmt, andererseits sind alle Versuche gescheitert, sich von den Begriffen der klassischen Mechanik bei der Interpretation der Quantentheorie zu befreien.

Die Situation kann man vielleicht ein wenig vergleichen mit der Frage nach außerirdischem Leben: Auf der einen Seite entdecken wir immer mehr und mehr Potenzial, ein riesiges Potenzial für Leben im All, andererseits haben wir früher einmal ganz fest daran geglaubt, und das war wirklich common sense schon im 18. Jahrhundert, dass es auf dem Mond und auf dem Mars und den anderen Planeten in unserem Sonnensystem Lebewesen geben müsse, dahingehend aber wurden unsere Erwartungen immer mehr und mehr enttäuscht.

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