Kommentar zu metaphysischen Fragen in der Physik

Vielen Dank Steffen, diesen mir bekannten Text nun vorgetragen bekommen zu haben!

Die These „JA, es können metaphysische Aussage sein, insofern jemand glaubt, durch die Physik metaphysische Fragen entscheiden zu können, die aber prinzipiell nicht entscheidbar sind“ reizt mich, etwas zu Einstein zu schreiben, weil ich hier durchaus bei meinem Verständnis von Metaphysik anderer Meinung bin.

(Wobei ich bitte, auf meine Leseweise des Themas Metaphysik wohlwollend Rücksicht zu nehmen, denn mir ist bewusst, dass man viel mehr in Metaphysik hineindichten kann, wenn man sich auf das Thema spezialisiert hat. Mein Blick auf Metaphysik ist von der Antike geprägt, welche hier mit Aristoteles durchaus nur Überlegungen versteht, welche Einheit hinter der Vielheit verborgen sei und wie diese Einheit zu begründen sei. Dass dabei Geist, Seele und Götter auch einmal in der Argumentationskette hereingezogen werden, das macht für mich die Metaphysik nicht zu einem Spielfeld, diese Begriffe zwangsweise zu einem Kern der Überlegungen zu machen, wenn ich den drei Begriffen heute keine Bedeutung mehr beimesse und mich daher auch genötigt fühle, mich mehr als historisch mit den Begriffen abzuplagen. Damit mache ich es mir einfach, aber man kann dafür Verständnis aufbringen.)

Für mich ist die Eigentümlichkeit der Metaphysik, dass wir uns auf eine Ebene begeben, welche der gemeinen Wahrnehmung sehr widerspricht, also insbesondere eine Einheit postuliert, wo wir nur Verschiedenheit wahrnehmen. Mit Parmenides gesprochen: Die Vielheit sei nur eine Illusion, nur die Einheit sei real. Und damit provoziert der Philosoph am stärksten den Alltagsmenschen, weil er aus der Sicht dieser Menschen damit eine Ebene „erfindet“, welche der Philosoph nicht beweisen kann. Wir kennen das Problem aus dem Beweis der Existenz Gottes am besten: Eine postulierte Existenzform lässt sich nicht beweisen, aber auch nicht widerlegen. Und damit ist Metaphysik für die meisten Menschen das Gegenteil von Wissenschaftlichkeit.

Jetzt wird zwar viel dazu gesagt, wo überall in der Physik ein metaphysisches Fundament durchschimmert, worüber sich der Physiker vielleicht nicht bewusst sind, wenn man so etwas wie Determinismus oder Realismus schon als metaphysische Grundlage überbetonen will. Und beim Wechsel auf den Indeterminismus der Quantentheorie wird dies ja auch offen diskutiert und die Philosophen haben dann viel dazu zu sagen, was daran dann Metaphysik sei. Wenn wir aber die Einheit hinter der Vielheit als Grundproblem annehmen, dann ist das Problem des Indeterminismus zumindest zweitrangig, weil sich der Indeterminismus auf der Ebene der Vielheit abspielt. Und wir und nach meiner Auffassung von Metaphysik schon mitten in der Physik befinden, welche sich dadurch auszeichnet, in der Verschiedenheit Gesetzmäßigkeiten zu formulieren.

So spricht Poppers als Kritik an der orthodoxen Quantentheorie auch aus, dass zwar ein Dualismus postuliert wird, analog dem Welle-Teilchen-Dualismus wird ein Sowohl-Teilchen-als-auch-Welle-Zustand angenommen, doch beispielsweise in Borns statistischer Betrachtung wird im Prinzip doch nur von wahrscheinlichen Orten eines Teilchens gesprochen. Andere wie Dürr lösen diese Schwäche auf und lassen das Teilchen erst mit der Messung „entstehen“, zuvor war es ein Teilchen in einer „Präexistenz in Möglichkeiten“. (So zumindest meine Interpretation.) Ob diese Präexistenz einer gleichzeitigen Existenz als Welle entspricht, scheint mir fragwürdig.

Leider so viele Eingangsworte, um nun zu Einstein zu wechseln. Was war der Skandal an Einsteins Physik? Sie war nicht induktiv! Sie forderte vom Physiker, die Welt wie ein Philosoph auf den Kopf zu stellen und eine Hypothese über die Grundlagen der Welt an den anfang zu stellen, um sich an diesen Hypothesen deduktiv abzuarbeiten! Wenn dann bei der Deduktion mehr Widersprüche beseitigt werden als neu entstehen, dann müsse man die hypothetische Existenzform als die bessere Existenzform akzeptieren, auch wenn diese Existenzform unserem Alltagsverstand zunächst zu widersprechen scheint!

Und damit machte Einstein im Grunde nichts anderes als schon ein Anaximander, ein Parmenides oder ein Aristoteles in der Metaphysik: Diese Physiker sahen einen Nutzen darin, eine (kühne) Hypothese zu formulieren, welche auf deduktivem Weg Widersprüche aufzulösen in Aussicht stellt, welche ansonsten an bestimmten Punkten als Widersprüche in der Physik der Vielheit in Erscheinung treten. So meine These.

Damit haben wir also durchaus auch in der modernen Physik ein Programm mit Einstein tief verankert, welches im Kern der Metaphysik der Antike UND deren Argumentations-Grundidee der Deduktion.

Eine Überlegung zum indeterminstischen Weltbild einer Existenz in Möglichkeiten: Wenn wir hier deduktiv denken, dann haben wir allenfalls die schrödingerschen Wellengleichungen als kleinen Rettungsanker im Chaos, und darauf wird ja viel Wert gelegt, wenn Verfechter der Präexistenz über ihren Dualismus reden. Doch ist diese Erklärungslinie zumindest wesentlich schwächer als beispielsweise eine reine Feldtheorie, welche auf Teilchen vollständig verzichtet und wie Anaximenes eine Ausgrenzung durch eine Zone einer Verdichtung im Apeiron begreift.

Als „Material“ dieses Apeirons setze ich das „Kontinuum“ eines Einstein an:

„Du betonst nun ganz richtig, daß die vollständige Beschreibung nicht auf den Begriff der Beschleunigung aufgebaut werden kann und — wie mir scheint — ebensowenig auf den Teilchenbegriff. Es bleibt also von unserem Handwerkzeug nur der Feldbegriff übrig; aber der Teufel weiß, ob dieser standhalten wird. Ich denke, es lohnt sich, an diesem, d. h. am Kontinuum festzuhalten, solang man keine wirklich stichhaltigen Gründe dagegen hat.“ (Einstein an Schrödinger, 1950)