Über

Über den Autor:

Christian Bührig, geb. 1971. Aktuell wohnhaft in Karlsruhe. Berufstätig als Wirtschaftsinfomatiker.

Studium der Philosophie in Braunschweig, 1993 – 1999 bei Prof. Dr. Dr. Gerhard Vollmer, Prof. Dr. Dr. Claus-Artur Scheier, apl. Prof. Dr. Steen Olaf Welding und PD Roland Simon-Schaefer.

Nebenfächer: Psychologie, Soziologie.

cbu3


Linus:

Warum bist du eigentlich kein Philosoph geworden? Oder hast keine Physik studiert?

Christian:

Zunächst, ich hatte nur recht zufällig Philosophie studiert, eher aus einer Laune heraus. In der Schule hatte ich keine bewusste Berührung zur Philosophie. Philosophie hatte irgendwie etwas mit Gott zu tun, vielleicht noch Ethik, dann altes Zeugs, ein wissenschaftliches Kuriositätenkabinett, das heute keinen mehr interessieren muss. Warum ich durch die Auflösung von Altbeständen der Schulbibliothek heute im Besitz von antiquarischen Büchern der Philosophie bin, wundert mich heute noch, die Bücher von Hegel, Kant, Spinoza waren dann nur Staubfänger und ließen mich allenfalls ein wenig intellektuell fühlen, wenn das Wort dir etwas sagt.

Meine Leistungskurse waren Mathematik und Biologie. Ich war wie du also eher der naturwissenschaftliche Mensch, da war ich zu Hause. Ein Biologielehrer sagte mal den Satz zu mir und unerwartet ernstem Ton auf dem Gang, ich müsse unbedingt Biologie studieren, das würde er sich wünschen. Das beeindruckte mich nachhaltig, dass mir jemand so viel zutraute und solche Sätze aussprach. Ich wünsche dir, dass du auch mal diese Erfahrungen machst.

Dann passierte etwas Seltsames. Bücher lesen, also Literatur, hatte mich nie gereizt, Schullektüre fand ich nur anstrengend, Deutsch war kein beliebtes Fach bei mir. Ich war gern in der Stadtbücherei, aber ausgeliehen hatte ich halt wissenschaftliche Bücher über den Weltraum oder so. Dann aber in der 10. oder 11. Klasse, da wählte mein Deutschlehrer ein Buch von Max Frisch aus, von dem er auch sagte, dass es eigentlich keine Schullektüre sei, solche Bücher gäbe es auch von Max Frisch, aber er wolle das Buch mal bei uns ausprobieren. Und ich war schnell in den Bann dieses Autors geraten, die Sätze waren wie Magie, ich war völlig überrascht, dass so Literatur sein kann! Das Buch hieß Stiller, du kannst es irgendwann gern mal lesen, es steht da im Regal ganz unten. Aber du solltest warten, man muss wohl mindestens so alt sein wie ich damals.

Damit begann sich meine Interesse merklich zu wandeln. Ich kaufte mir von meinem Taschengeld nach und nach alle Bücher als Taschenbuch von diesem einen Autor. Mein Name sei Gantenbein heißt ein Buch, das noch gewaltiger auf mich einwirkte. Sogar für seine Tagebücher aus der Gesamtausgabe interessierte ich mich. Und als ich dann noch die Leiden des jungen Werthers von Goethe las, war ich auf dem Weg, mich ernsthaft zu fragen, ob ich mir eine Zukunft als Schriftsteller vorstellen konnte. Schriftsteller waren die wahren Genies für mich, die Wissenschaftler weit an Genie überflügelnd.

Ich merke schon, das wird jetzt doch etwas lang, hier alles im Detail zu erzählen. Hör mal weg, ich schreiben weiter. Ich melde mich dann wieder, wenn es mit unserem Gespräch weiter geht.

Als es dann darum ging zu studieren, wälzte ich das Vorlesungsverzeichnis der Technischen Universität Braunschweig, sah mich verpflichtet, mich auf meine Leistungen zu besinnen und Physik oder Biologie zu wählen, vielleicht Mathematik oder Informatik. Ein bester Freund von mir, Björn, wählte Informatik, man hätte das gemeinsam studieren können.

Zum Schluss kam mir alles zu fade vor, nur von der Philosophie ging ein Reiz aus, dass sich das Feld der intellektuellen Schriftsteller dahinter weiten würde. Vielleicht erkannte ich auch schon, dass einer der Professoren, Gerhard Vollmer, einen starken naturwissenschaftlichen Zug einbrachte, aber spätestens in den ersten Vorlesungen war mir dann klar, dass ich hier bei ihm richtig war. Philosophie entpuppte sich als ein Studium, zu dem jeder Wissenschaftler kommen muss, wenn er sich an den Grenzen seines Forschungsgebiets bewegt, sei es in der Biologie die Entstehung des Lebens, in der Physik die Atomphysik, in der Astronomie das Unendliche usw. Damit war Philosophie also der Punkt, an dem man sich mit allen spannenden Wissenschaftsthemen beschäftigen konnte. Weil ich noch Soziologie und Psychologie als Nebenfach wählte, erwähne ich hier das Problem, wie Bewusstsein entsteht als Grenze der Psychologie. Und in der Soziologie das Thema, dass sich Gruppen unabhängig von individuellen Entscheidungen prognostizierbar verhalten können.

Aber uns beschäftigt ja hier die Physik. Was hier zuerst auch in Bezug auf Prof. Vollmer erwähnen möchte: Er machte nach meiner Erinnerung kein explizites Angebot zur Elementarteilchenphysik, obwohl er am Forschungszentrum DESY in Hamburg als Physiker gearbeitet hatte. Das würde ich ihn heute gern noch einmal fragen, warum er Elementarteilchenphysik nie in der Philosophie zum Thema machte. Ich hatte es mir damals immer heimlich gewünscht und jedes Semester damit gerechnet, dieses Mal wird es eine Vorlesung oder ein Seminar hierzu geben. Vergeblich. Vielleicht ist auch das ein Grund, warum ich 25 Jahre lang nun wenig Ambitionen verspürt hatte, mich mit der Elementarteilchenphysik abzumühen. Bei Popper fand ich nun eine Begründung, die ich verspürt haben musste: Die Physik hatte sich entschlossen, gerade nicht mehr das Verstehen der Physik im Blick zu haben. Und diese Schriften kannte Gerhard Vollmer sicherlich, ihn ist Popper meines Wissens neben Mario Bunge, bei dem er kurze Zeit arbeitete, der bedeutendste Wissenschaftstheoretiker, daher vermute ich, dass seine Einstellung zur Physik der von Popper weitgehend entspricht. Die extrem kritische Haltung gegen die Quantenphysik von Bohr, Heisenberg und Pauli, diese Haltung muss für einen Doktor der Physik einen großen Konflikt bedeutet haben. Popper fordert auf, die Kritik von Einstein und Schrödinger ernst zu nehmen. Leider kenne ich, wie gesagt, die Einstellung von Prof. Vollmer hierzu nicht.

Physik war also kein explizites Thema im Studium, im Fokus der Lehre von Prof. Vollmer standen Wissenschaftstheorie, Logik und natürlich Erkenntnistheorie.

Prof. Vollmer habilitierte im Bereich Erkenntnistheorie, er arbeitete den evolutionären Gedanken aus, dass unsere Erkenntnisfähigkeiten vertrauenswürdig sind, weil sie in Anpassung an die Außenwelt entstanden sind, wobei schlechte oder falsche Sinne nicht zur Vererbung in die nächsten Generationen geführt hätten. Pointiert gesprochen: Der Affe, der zu einem Ast sprang, den es nicht wirklich gab, dieser Affe gehört nicht zu unseren Vorfahren. Mit Kant beispielsweise gab es eher eine große Verunsicherung in der Philosophie, weil er zeigte, dass wir unser Wissen auf einer schwierigen Basis aufbauen, unsere Erkenntnis und unser Denken ist in vielen Punkten quasi mit Vorurteilen fest ausgestattet: Wir sind von Natur aus gezwungen, einen Raum anzunehmen, Dinge haben eine Ausdehnung, unser Denken ist voreingestellt auf ein Denken, in dem alles eine Ursache hat, das nennt man Kausalität. Wenn etwas wahr ist, dann kann es nicht gleichzeitig falsch sein, solche Dinge. Ein Beweis gäbe es dafür nicht, wir bringen diese Denkmuster bereits mit und müssen das immer bedenken, wenn wir über Wahrheit sprechen wollen. Philosophie hat viel mit Wahrheit zu tun, mit der Suche nach Wahrheit und dem Aufdecken von Vorurteilen. Mit Kant hat dieses Streben einen empfindlichen Schlag bekommen, zu Zeiten Kants blieb wohl nur die Hoffnung, dass wir sozusagen von Gott nicht getäuscht werden und unsere Vorurteile hier hinreichend der Wahrheit entsprechen. Aber ich erinnere an das Träumen: Bereits ohne Außenwahrnehmung ist das Gehirn in der Lage, uns eine vollständige Welt vorzuspielen, die Empfindungen können alle irgendwie simuliert werden. Der Traum ist ein großes Ärgernis für die Philosophen, er zeigt uns, wie schwach das Fundament der Sinneswahrnehmungen ist.

Hallo Linus, nun bin ich mit den Ausgangspunkten meines Philosophiestudiums fertig, vielleicht kann ich nun deine Frage kurz beantworten, du kannst mir wieder zuhören.

Ich bin kein Philosoph geworden, weil die Fülle an Bücher unerschöpflich ist, die man lesen muss, um mitreden zu können und ernst genommen zu werden. Es wird erwartet, ungemein belesen zu sein. Also begann ich mit nicht geringer Energie, mich in die Philosophiegeschichte einzuarbeiten – und darüber kam ich schon in den Jahren nicht wirklich hinaus, die ich studierte. Einige Philosophen der Antike stellten Behauptungen auf, die ich nicht verständlich fand, fast wie beim Thema der Quantentheorie. Es reichte mir nicht, die Lehrmeinungen wiederzugeben, ich wollte es wirklich verstehen, ich wollte verstehen, was Thales so besonders in der Philosophiegeschichte macht, was Anaximander meint, wenn er ein Unbegrenztes zur Entstehung der Welt ansetzen will, was Parmenides so wichtig macht, wenn er mit der absurden Lehre auftritt, in der Welt könne sich nichts bewegen. Oder nicht zuletzt diese zentrale Figur in der Philosophiegeschichte, Platon: Er spricht davon, dass die Welt nicht wirklich existiert, was wirklich existiert seien Idee, reine geistige Dinge. Du runzelst die Stirn, aber genau dieser Mann hat Jahrhunderte geprägt und die klügsten Menschen von seiner Sichtweise überzeugt! Also muss es doch einen so vernünftigen Kern in der Sache geben, dass auch ich überzeugt werden könnte, diese Sichtweise zu verstehen. Ich erinnere dich an die zentrale Kritik Poppers an der Quantentheorie, dass sie auf das Verstehen verzichten wolle. Und das mag mich unbewusst von dieser Physik bis heute fern gehalten haben. Und der Mangel an Verständnis für die antike Philosophie hat mich aufgeben lassen, mich jemals belesen genug zu fühlen.

Linus:

Aber das hat sich ja geändert, du schreibst ja ein Buch darüber.

Christian:

Schon früh hatte ich den Plan, mich mit eigenem Schreiben zu zwingen, Argumente zu finden, die mich selbst so weit überzeugen würden, dass die griechische Philosophie verständlich ist. Was ich las, überzeugte mich nicht hinreichend, wie gesagt, insbesondere der zweite Philosoph Anaximander passte schon gar nicht mehr in mein Bild der Philosophie: Wie sollte jemand auf die Idee kommen, die Unendlichkeit zu formen, wenn es nach den üblichen Darstellungen geht? Woher kommt so eine Idee? Von den Ägyptern? Und was wäre dann dort die Geschichte, die zu dieser Theorie führte? Nein, das Ganze hinkte doch ungemein. Und dieser Thales mit dem Wasser: Übliche Darstellungen in der Philosophiegeschichte betonen z. B., dass Wasser mal gasförmig ist, dann wiederum als Eis einen festen Zustand habe. Das ist doch aber keine Metaphysik, das ist ein Ringen um Argumente, viel zu schwach, um von jemanden wie Aristoteles an den Anfang der Philosophie gestellt zu werden. Am Ende meines Studiums hatte ich gute Ansätze, die Idee, Thales mit dem Ei argumentieren zu lassen, flechtete ich in meine ersten Internetseiten ein, die ich zum Thema Philosophie schreiben wollte.

Einige solche Ansätze folgten, mich wenigstens im Internet auszuleben. Blogs hatten mir anfangs gefallen, um kleinere Abhandlungen potentiell zur Diskussion zu stellen, weil man hier über Kommentare einzelne Thesen immer weiter ausbauen könnte. Aber schon bald fehlte zum einen die Zeit, zum zweiten gefiel mir der Gedanke immer weniger, dass es keine Reihenfolge gibt, in der Leser die Blogbeiträge lesen sollten. Wenn ich also über den Anfang der Philosophie schrieb, dann sollte es auch eine zeitliche Reihenfolge geben, auch wenn ich gerade Lust habe, mal zwischendurch etwas über Platon zu schreiben.

Einen neuen Ehrgeiz entwickelte ich letztes Jahr, ein Buchprojekt zu starten, weil ich gern Marko überzeugen würde, dass das, was ich da als großer Bruder studiert hatte, sein besonderes Interesse verdienen könnte. Ich schenkte ihm gute Einführungsbücher in der Erwartung, dass er darüber den Wunsch verspürt, mir Fragen dazu zu stellen. Spätestens jetzt aber vor seinem Abitur wollte ich ihn diesmal mit einer Einführung in die Philosophie beeindrucken, die er nicht als Gruselkabinett wissenschaftlicher Kuriositäten der Vergangenheit ignorieren kann. Dabei sollte gerade meine eigene Erfahrung eine Richtschnur sein, das Unverständnis eines kritischen Menschen ernst zu nehmen und eine Alternative anzubieten, die sogar diejenigen überzeugen mag, die sonst immer behaupten würden, Philosophie sei altes Krams, das man auch gut in der Mottenkiste eingeschlossen lassen könne, bis die Motten alles aufgefressen haben. Ich musste dazu das Risiko eingehen, die Philosophiegeschichte mutwillig in meine anstrebte Richtung zu verbiegen. Aber wenn man den Eindruck hat, dass selbst Aristoteles nur über Motive von Thales spekuliert, der 200 Jahre vor ihm gelebt hat, dann sollten wir auch mehr als 2000 Jahre uns nicht scheuen, Wissenslücken zugunsten der Verständlichkeit zu füllen. Damit das nicht zu sehr wissenschaftlich ins Gewicht fällt, gefiel mir die Idee, mich auf eine literarische Form zurückzuziehen. Die Philosophen unterhalten sich einfach, da ist dann hoffentlich klar, dass man das Gesagte mit Vorsicht genießen muss. Wem eine Meinung gefallen sollte, der könnte meiner Meinung nach aus einigen Ideen sogar eine Doktorarbeit machen, wäre ich überzeugt. Dann würde es mich freuen, wenn ich als Urheber der Idee aufgeführt werden würde. Oder derjenige gar Kontakt zu mir aufnimmt, ich seine Arbeit mit Diskussionen begleiten könnte.

Linus:

Und was ist mit der vielen Physik, die du gerade liest und hörst?

Christian:

Das hatte sich daraus ergeben, dass ich den Eindruck hatte, ein früher Exkurs in die aktuelle Physik sei eine willkommene Abwechselung, wenn seit Anfang des Lesens meines Buchs Marko die Frage quälen sollte, ob das alles wirklich für den heutigen Schüler wichtig sein mag, sich mit Begriffen wie dem Kontinuum zu beschäftigen. Dann stieß ich bei meinen Studien über Parmenides auf ein Buch von Karl Popper mit dem Titel Parmenides. Es war ungemein befriedigend, von diesem großen Wissenschaftstheoretiker zu hören, dass er die antike Philosophie ernst nimmt, dass er Metaphysik nicht ablehnt. Und als ich dann erfuhr, dass Einstein von ihm in die Tradition von Parmenides setzte, auch Schrödinger, da begriff ich, dass es sich lohnt, hier weiterzulesen, was dahinter stecken mag. Was bedeutet das: Materiewelle. Ich hatte bereits eine Idee, was Anaximenes und Parmenides verständlich machen könnte, diese Materiewelle schien in eine ähnliche Richtung zu verweisen. Ich hatte von Popper einen Schlüssel in die Hand bekommen, das Tor zu einer Physik mit einem Kontinuum zu öffnen. Von dieser Perspektive machte alles plötzlich Sinn. Hier gab es eine Welt, in der keine Teilchen im Doppelspaltexperiment durch beide Spalten gleichzeitig, keine Quantensprünge, keine Wahrscheinlichkeiten des Aufenthaltsorts eines Elektrons. Dennoch war mir klar, dass ich mich nicht in Sicherheit wiegen könne, wenn ich nicht auch Heisenberg und Bohr versuchen würde, zu verstehen. Erst das Buch von Manjit Kumar und wieder Karl Popper mit einem Buch über die Quantentheorie stimmten mich ruhig, dass meine intuitive Hemmung, die ich schon als Schüler hatte, eine wissenschaftliche Berechtigung hat. Das Buch von Kumar ist exzellent geschrieben und führt vor Augen, wie Bohr und Einstein über das Wesen der Wirklichkeit stritten, so wie es im Titel versprochen wird. Popper hatte ich schon öfter in den Händen, hatte dann aber immer nur Ausschnitte gelesen. Vielleicht gut so, weil ich meine, die Kritik erst jetzt voll schätzen zu können, wo ich so weit über den Tellerrand geschaut habe und Kumar mich in die Zeit um 1927 eingeführt hatte.